Salud ustedes!
Endlich komm ich mal wieder dazu euch zu schreiben, eigentlich hab ich nicht so wahnsinnig viel zu tun, ich muss meine Arbeit und meine Aufgaben erst noch finden, so wie das wohl immer ist, wenn man neu irgendwo anfängt. Aber ich glaube, dass es mir gut gefallen wird.
Meine Chefin ist äusserst nett, Katia ist wohl so anfang/mitte 30, ein sehr fröhlicher Mensch mit wachen Augen. Sie ist die Tochter der ersten Bischöfin Lateinamerikas. Überhaupt ist mein ganzes Arbeitsumfeld sehr von Frauen geprägt (eigentlich sind alle Führungspositionen weiblich besetzt). Aber damit bin ich ja schon in meiner Schulzeit gewohnt ;-).
Mein erster Tag begann erst mal mit einem Gottesdienst (eigentlich beginnen die meisten Tage so, da muss ich mich noch dran gewöhnen), wo wir den versammelten Kirchenangestellten noch mal vorgestellt wurden. Danach bin ich mit Katia erst mal in ihr Büro und sie hat mich 3 Stunden lang darüber informiert was ich alles machen kann/werde/muss. Wir haben uns von Anfang an gut verstanden, sie lässt mir ziemlich freie Hand, hat aber schon hohe Erwartungen. Bei Jakob ist das nicht so, seine Chefin Melba ist sehr strikt und "hat einen starken willen" (so wurden wir gewarnt ;-). Jakob muss jeden tag um 8 in der Kirche sein und bis 5 dort bleiben, egal ob er was zu tun hat oder nicht. Ich fang normalerweise um 9 Uhr an (was sehr gut ist, weil der Verkehr um 8 Uhr so viel stärker ist, dass der Bus manchmal eine Stunde länger braucht) und kann - nach Absprache - gehen, wenn ich fertig bin. Ich mach auch viel "daheim", weil ich hier den laptop habe und eMails schreiben kann (Kommunikation mit der Entsendeorganisation, ausfüllen von irgendwelchen Formularen, übersetzten von allem möglichen Kram). In meinem "Büro" (ja, ich hab schon einen Schreibtisch) gibt es nämlich nur einen funktionierenden Computer und der ist meist von Jugendlichen besetzt, die irgendwo im Internet rumsurfen. Ich habe angeboten den zweiten zu reparieren, aber dazu bräuchte ich den Arbeitsspeicher, den irgendjemand mal ausgebaut und irgendwohin geräumt hat. Allerdings kommt Mario (mein "Mentor") nie dazu ihn zu suchen, weil er immer schrecklich beschäftigt ist (manana, manana). Aber was Computersachen angeht, bin ich ja ziemlich abgehärtet ;-). Man muss einfach jeden Tag wieder nerven. Irgendwann wirds ihm schon zu blöd.
Die erste größere Sache, die hier stattfinden wird ist ein Aids-Informationsfestival. Die Kirchen in lateinamerika haben bei dieser Thematik bisher eine nicht wirklich glorreiche Rolle übernommen. Zwar konnten sie nicht die Ausbreitung der Krankheit, aber sehr wohl die von Informationen verhindern. "Meine" Kirche nimmt glücklicherweise eine Vorreiterrolle ein, in dem sie heuer (zum 3. Mal) die Straße vor der Kirche sperren und alle Organisationen die sich in Nicaragua mit der Thematik beschäftigen einladen. Das hat ein mal den Sinn, dass die Organisationen sich untereinander kennenlernen und effektiver zusammenarbeiten können und den sich öffentlich dazu zu bekennen das Thema zu bearbeiten, was vielleicht irgendwann auch andere Kirchen dazu bewegt nachzuziehen. Das ganze wird von einem Rahmenprogramm mit Bands usw. begleitet, die jugendliche Besucher anlocken sollen.
Das ganze wird organisiert von den Jugendlichen der Gemeinde in Managua, ist also auch Teil meiner Arbeit. Am 19. Oktober ist es dann so weit, es soll auch eine Bühne mit Licht und Ton geben, ich bin ja mal gespannt, was da aufgefahren wird.
Momentan verbringe ich aber die meiste Zeit im Haus, weil wir hier ein ziemlich großes Problem haben: Ihr kennt alle diese wunderbaren Blattschneiderameisen, aus der Geo oder aus dem Fernsehen oder was weiß ich. Die gibt es hier haufenweise. Es ist zwar nett die so anzuschauen, wie sie an einem nachmittag ganze Büsche kahlfressen und die Blätter davontragen, allerdings machen sie uns ziemliche Probleme, weil sie die Erde unter unserem Innenhof aushölen. Die tragen wirklich kubikmeterweise Erde davon, was dazu führt, dass immer wieder Teile des Hofes einstürzen. Deswegen haben wir begonnen die befallenen Bereiche weiträumig auszugraben, die Ameisen zu vergiften, die Löcher wieder zuzuschütten und die Erde dann zu komprimieren. Mein Plan hier einen schönen Gemüsegarten anzulegen muss also erst mal pausieren, weil das Beet unter einem meterhohen Erdhügel begraben ist. Die Banane und die Blumen die ich schon gepflanzt hab, konnte ich glücklicherweise in Sicherheit bringen. Wies aussieht, sind alle angewachsen und schon bald werden wir uns an einem Blütenmeer laaben können (wenn der Erdhaufen davor wieder weg ist).
Auch sonst gibt es viel zu tun im Haus: Einige Stühle sind kurz davor auseinanderzufallen, das Telefon funktioniert nicht richtig usw. Ich hab mich also hingesetzt und Handwerker für alles bestellt, mir einen Tag frei genommen, damit jemand im Haus ist. Ich wart also den ganzen Tag, um 9 Uhr ist niemand da, um 10 uhr nicht um 11 Uhr auch nicht, ich ruf an und frag was los ist, aber keiner weis irgendwas. Ich hab die Hoffnung schon aufgegeben gehabt, dann kommt um 4 Uhr Nachmittags doch noch jemand, schaut sich das Ameisenloch 10 Minuten an, dann fällt ihm ein, dass er keine Schaufel dabei hat und gar nichts machen kann. Also fährt er wieder heim. Tja, so ist das eben in Nicaragua. Aber es ist nicht so, dass ich den ganzen Tag auf der faulen Haut gelegen wäre! Unseren Vorgängern war die Sauberkeit scheinbar nicht so wichtig, drum hab ich mich drangemacht erst mal die Fenster zu putzen, damit man wieder rausschauen kann, meine Vorhänge waren schwarz wie ein Schuh und ich hab sie erst drei mal gewaschen, dann ausgekocht, dann 2 Tage in 50 %ige Chlorlösung eingeweicht. Jetzt sind sie Kaffeefarben. Na wunderbar. Wahrscheinlich kauf ich mir einfach neue, das ist einfacher. Ausserdem sind sie auch hässlich wenn sie sauber sind ;-). Ausserdem hab ich das Bad von Tropfsteinen und sonstigen Kalkablagerungen befreit, den Abfluss abgedichtet, das Waschbecken neu verfugt usw. Ich war also grade mitten in meiner Handarbeit, da werd ich von draußen gerufen: "se rompio un tuvo!" (="Es zerbrach sich (aus versehen) ein Rohr"), hei, wie hat sich diese Rohr nur zerbrochen. Naja, glücklicherweise hab ich das Heimwasserwerk mal unter die Lupe genommen und wusste wo man das Wasser abstellen kann, aber dann gings halt mal wieder auf um Rohr, Eckstück und Muffen zu besorgen (heißt im Spanischen übrigens "Hemd"). Das praktische ist, dass es hier alle 500m eine "Ferriteria" gibt, sowas wie einen Zimmermann, in der man vom Lötkolben über Glühbirnen und Blindnieten alles kaufen kann, was den Heimwerker freut.
Ich komm also grade wieder heim, mit allem was mir aufgetragen wurde, da entdecken die zwei Bergarbeiter ein neues Ameisennest, das es auszurotten gilt. Also mach ich mich auf ins Agrocentro, eine Art Baywa um den Ameisenkiller nummer eins zu besorgen. Das ist wirklich ein Erlebnis dort, planwirtschaft pur. In dem Büro sind Bagger, Traktoren, Generatoren und Agrarbedarf aller Art ausgestellt, es gibt 6 Angestellte, die hinter irgendwelchen Schreibtischen irgendwas machen und einen der für Kundenverkehr zuständig ist. Dort stauen sich natürlich die Leute, die irgendwas kaufen wollen. Ich stell mich also an, bin nach einer halben stunde dran und sag, dass ich das Ameisengift Cyper MC brauche, einen viertelliter. Gut, dafür müssen wir erst mal ein Formular mit 6! Durchschlägen ausfüllen, damit auch alles seine Richtigkeit hat. Mit dem grünen und dem rosanen teil geht man dann zur Kasse, stellt sich dort wieder an, zahlt seine 35 Cordoba (ca. 1,40€), kriegt ein paar Stempel und ein neues Formular, stellt sich wieder beim Kundenverkehrsschreibtisch an, zeigt dort sein Kassenformular und seine Stempel, kriegt noch mehr Formulare und noch mehr Stempel und macht sich dann auf den Weg zur Materialausgabe, wo man das rosane und das Blaue vormular vorlegt, wieder ein paar Stempelchen und sein Fläschchen mit gift bekommt. Der Gleichauf wäre neidisch!
Jedenfalls hat das Gift seinen Zweck erfüllt und die Ameisen haben das zeitliche gesegnet (wie lange halt). Ansonsten habe ich begonnen unserer amerikanischen Mitbewohnerin ein wenig deutsch beizubringen, was gar nicht so einfach ist, weil man sich ja normalerweise keine Gedanken über Konjugationen und sowas macht, man spricht einfach. Und erklär mal jemanden, der nur den Nominativ und Genetiv kennt, was Akkusativ und Dativ sind. Mal sehen, bis zum ende des Jahres werden wir schon was hinbekommen.
Ausserdem war ich am Sonntag auf einem Konzert latienamerikanischer Musik der Revolutionszeit. Es war nicht nur ein Konzert, sondern auch eine Kungebund, da Che in wirklich keit nur Physisch tod ist, Sandino in unseren Herzen weiterlebt und Fidel Castro ewig leben wird. Es ist interessant zu sehen, wie fanatisch die linken hier sind, bei uns ist ein Che Guevara T-Shirt ja eher ein modisches Accessoire, aber hier ist das irgendwie anders. Manche Gruppen sind richtig fanatisch, da heißt der Anführer noch Comandante soundso. Irgendwie macht mir dieser Personenkult auch angst, ich weiß nicht ob das da dran liegt, dass ich fanatismus nie gut finde, oder weil die bewunderung einer einzigen Person für deutsche immer einen komischen Beigeschmack hat. Aber interessant war es auf jeden fall, und ich habe einem Guerillo gelauscht, der mit Che Guevara in Guatemala im Exil war. Er hat zwar den eindruck gemacht, als würde er auf der Bühne jeden moment das zeitliche segnen, so hat er sich verausgabt, aber es ist eben auch ein Stück Geschichte.
Der musikalische Teil hat mir dann um einiges besser gefallen, das was ich bei uns immer nur aus Aufnahmen gehört hab, wird hier live vorgetragen und es ist nicht ein exotisches Hobby, sondern einfach die hier übliche Musik. Es ist wahnsinnig wie viel Energie das transportiert, ich glaub das muss man gehört haben, es lässt sich nicht beschreiben.
Morgen werd ich mit Mario nach Somotillo, ein dorf im Nordwesten des Landes fahren und mir die Jugendgruppe dort anschauen. In Zukunft werd ich alle zwei Wochen dort vorbeifahren. Ich bin gespannt wies wird, dummerweise muss ich morgen schon um 4 Uhr aufstehen. Da hab ich ja gar keine lust drauf ;-)
Liebe Grüße aus Managua,
euer Christoph
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