Mittwoch, 16. April 2008

Christoph der Baumeister/Fundamentalist

Nachdem mein letzter Beitrag ja doch sehr theoretisch und kopflastig war, gibts dieses mal was handfestes. Aber so richtig!
Bei ihrem Besuch im Januar hat meine erste Delegation nach ihrem Besuch in Los Trejos den Wunsch geäußert sich für die Gastfreundschaft dort irgendwie zu revanchieren. Also hab ich in meiner Communidad gefragt, was ihnen denn so auf dem Herzen liegt.
Nach kurzem Überlegen war klar: Ein Wassertank. Dazu muss man ein bisschen über die nicaraguanische Infrastruktur bescheid wissen: In Managua gibt es zwar fast überall fließendes Wasser aus dem Wasserhahn (das - in Managua - sogar ohne Probleme trinkbar ist - chlorseidank), allerdings nicht den ganzen Tag. Das Wasser wird rationiert, damit es für alle reicht. Der Wassermangel hängt natürlich einerseits mit den begrenzten Möglichkeiten zur Wasseraufbereitung zusammen (Wasser an sich gibt es in der zwischen Managua- und Nicaraguasee gelegenen Hauptstadt genug), zum anderen am Leitungsnetz.
Da sieht die Lage nämlich ziemlich düster aus: 40% von dem Wasser das beim Wasserwerk in die Leitung reingepumpt wird kommt nämlich nicht dort an wo es hin soll, sondern versickert durch Lecks im Maroden Leitungsnetz.
Nur mal ein Bild um sich das deutlich zu machen: Stell dir vor, du gehst in ein Wirtshaus, bestellst eine halbe Bier und bekommst eineinhalb Kölsch!
Hinzu kommt natürlich auch noch ein ganzer Haufen Wasseranschlüsse, die nicht legal sind (und deswegen keine Wasseruhr haben und daher auch als Verluste gerechnet werden). Um das Problem der Lecks in den Griff zu bekommen (für eine Lösung - ein neues Leitungsnetz - fehlt das Geld), schaltet man einfach das Wasser ab. Je nach momentaner Knappheit und Reichtum des Barrios (je reicher, desto mehr Wasser) zwischen 4 und 18 Stunden am Tag.
Los Trejos gehört zu den armen Barrios die nur 6 Stunden am Tag Wasser haben - zwischen Mitternacht und 6 Uhr früh. Da muss dann jemand aufstehen und Wasser in irgendwelche Behältnisse füllen, Flaschen, Schüsseln, Fässer, Eimer. Das steht dann so rum, Dreck und Staub fliegt rein, Mücken legen ihre Eier rein usw.
Solange man gesund (und es gewohnt ist) hält man das schon aus. Aber Sonia (die Hausherrin) ist Zuckerkrank und hat deswegen öfter mal wunde Stellen die nie richtig abheilen, weil sie einfach nicht richtig sauber werden, sich entzünden etc.
Also haben wir angefangen zu überlegen, wie wir das mit dem Tank machen könnten. Er muss irgendwo erhöht stehen, damit das Wasser auch von selber wieder raus fließt (eine Pumpe scheidet aus, weil die Situation beim Strom ähnlich aussieht).
Erst war der Plan, den 1100 Liter fassenden Tank auf das bestehende Badehäuschen zu stellen, allerdings wäre (weil das Häuschen keiin Fundament hat) eine aufwendige Stützkonstruktion notwendig gewesen. Nach einigem Hin- und Her haben wir diese Idee verworfen und einen guten neuen Einfall gehabt: Das Grundstück liegt an einem Hang und hinter dem Haus ist man schon 1,5m Höher. Dort werden wir jetzt aus massiven Steinblöcken (70 KG pro Stück) eine Bühne bauen auf der dann der Tank stehen wird.
Also haben wir mit dem Einkauf begonnen: 100 Steinblöcke, 6 Säcke Zement, ein Kubikmeter Schotter für den Beton und Sand für den Mörtel.

Gestern haben Remigio, Jakob und ich also mit dem Bau begonnen und das Fundament gelegt. Dazu muss man erst mal den Schotter von vor dem Haus nach hinter dem Haus bringen, dazu Wasser, Zement und Sand. Dann wird das ganze mit der Schaufel vermischt (ein Königreich für einen Betonmischer!), wieder in Eimer geschaufelt und in den Fundamentgraben geschüttet und glattgestrichen. Dieser Teil ist also schon mal fertig.
Nach dem Betonieren haben wir noch ein paar Steine zum Bauplatz geschleppt, nach 4 Stück war ich fertig, wir waren zu dritt, fehlen also nur noch 88 ;-) (Nebeninformation: Schattentemperatur um 10 Uhr vormittags: 38°C)
Morgen werden wir mit dem Mauern beginnen, mal sehen wie weit wir kommen.

In der Bildergalerie kann man sich von alle dem natürlich fotografische Beweise anschauen und sehen wie ich hier schwitz als Zivi.

Dienstag, 1. April 2008

Neues aus Nicaragua

So, der letzte Eintrag ist ja jetzt schon ne ganze weile her. Das ist wohl ein guter Indikator wie gut ich mich Nicaragua schon angepasst habe ;-)

Heute werd ich euch mal ein bisschen über meinen Englischkurs erzählen. Seit ungefähr zwei Monaten geb ich ja in Los Trejos (meiner Communidad in Managua) Englischunterricht. Angefangen hab ich mit einem Angebot offen für alle Altersgruppen (ich hab mir gedacht ich schau einfach bei welcher die Akzeptanz am größten ist ;-) Beim ersten mal war ich richtig überrascht, dass gleich 20 (in Worten: Zwanzig!) Leute da waren. Zwar nicht um 3 Uhr wie auf den Plakaten angekündigt, sondern um halb 4, aber das ist ja ganz normal. Ich hab also angefangen mit meinem Kurs und bin erst mal auf ein Riesenproblem gestoßen: Transfer oder das erkennen von Systemen funktioniert nicht. Punkt. Wenn ich meinen Schülern dort zehn Sätze mit der gleichen Satzkonstruktion (Lisa has a house, Bart has a dog, Homer has a wife....) Vorlese und sie dann frage wie die elfte Satzkonstruktion aussehen muss, schaun mich alle an. Dann kann man ihnen noch die einzelnen Wörter bröckchenweise zuwerfen und es geht trotzdem nicht. Es geht einfach nicht.

Dies Erkenntnis ist natürlich erst mal ernüchternd, aber sowas lernt man hier eben nicht. Bei uns hat jeder zwölfjährige dieses Schema intus und kann es anwenden, hier lernt man in der Schule vor allem eines: Kopieren. Das allerdings gründlich.
Wenn ich irgendwas an meine Tafel (leiht mir ein Nachbarsjunge) kritzel, wird das sofort abgekritzelt. Und wenns nur ein paar Strichmännchen sind um irgendwas zu erklären was eigentlich total nebensächlich ist. In dieser Zeit (während abgekritzelt wird), hört mir natürlich niemand mehr zu, also heißt es erst mal warten (oder besser nicht so viel an die Tafel kritzeln).

Also mit diesem Konzept kommt man hier nicht weit. Diese Einsicht ist natürlich erst mal schmerzhaft: Wie soll man jemanden eine Sprache beibringen, wenn er das System dahinter nicht versteht (in den Schulen hier umgeht man das Problem einfach damit, dass man den Schülern Phrasen an die Hand gibt, die diese dann auswendiglernen und so ein bisschen "Englisch" können). Die andere Alternative ist alles, wirklich alles bis in seine kleinsten systematischen Bestandteile zu zerlegen und an die Tafel zu schreiben. Wenn dort alles steht und alle das in ihre Hefte kopiert haben, klappt es manchmal sie aus diesen Brocken Sätze zu bauen. Sogar mit have/has Unterscheidung! Das ist nämlich das nächste Problem. Aus unserer Sicht ist das mit dem -s ja nicht so schwierig. Immer wenn es um die dritte Person Singular geht, muss der letzte Buchstabe eben ein -s sein. Hier steht man vor einem mittelgroßen Problem: 1. Wer oder was ist die dritte Person?
Beispiel: "Dritte Person ist: Er" "Remigio?" "Ja, zum Beispiel, aber auch jeder andere Er" "Und Mädchen?" "Ja, die auch, alle Sies." "Und du's nicht?" "Nein, du ist die zweite Person." "Also ist Christoph 2. Person?" "Nicht unbedingt, wenn du mit Remigio sprichst und sagst: 'Christoph kommt aus Deutschland', ist das auch die 3. Person" "Aber ich sag doch nicht Sie zu dir, sondern Du!" ".....")

Sowas muss man erst mal klarstellen ;-) Singular und Plural ist glücklicherweise einfach. Schwierig wirds wieder wenn man die 2. und die 3. Person Plural unterscheiden will. Da macht man in Mittelamerika nämlich keinen Unterschied, man sagt einfach "Sie", auch wenn man eigentlich "Ihr" meint. Das macht die Sache natürlich noch mal interessant, wenn man in seiner Muttersprache da keinen Unterschied kennt.

Ich mein, es ist auch schwierig und ziemlich abstrakt, entweder jemand gehört zu uns oder zu den anderen. Was soll man da noch unterscheiden??

Mit solchen Problemen hat man da eben zu kämpfen. Abgesehen davon lernt natürlich niemand seine Vokabeln. Dass man da nicht großartig weiterkommt, ist natürlich kein Wunder. Aber was solls, hauptsache sie haben was zu tun und ganz spurlos gehts ja doch nicht an ihnen vorrüber. Und das wichtigste: Es macht ihnen Spaß.

Gestern hat mich übrigens beim Kopieren in einem Internetcafé eine wildfremde Frau angesprochen ob ich nicht in einem Collegio unterricht geben will. Das muss ich mir mal anschaun. Wär schon nicht schlecht. Sie wollen mich sogar bezahlen ;-)

Im Übrigen habe ich erste Agrarerfolge zu verbuchen! Meine Karotten haben endlich diese Karottentypischen Wurzeln angesetzt (bisher sind einfach aus völlig unkarottigen Würzelchen karottenartige Blätter gewachsen, die zwar schön grün waren, aber nicht das Ziel) Außerdem hat nach 7 Monaten Ackerbau eine Tomatenpflanze 3 Blüten! In weiteren 7 Monaten kann irgendjemand dann vielleicht die ersten Tomaten ernten. Außerdem neues aus meiner Gewürzecke: Es wächst wunderbar: Zitronenmelisse, Basilikum, Petersilie, Maggiekraut, Knoblauch, Zitronengras und Culantro. Dem Schnittlauch gefällts hier aber irgendwie nicht so. Zwei Hälmchen kämpfen weiterhin für ihr Überleben.
Die großen Erfolge hab ich wohl einem glücklichen Zufall zu verdanken: Ich hab einen Laden gefunden wo Humus und Regenwürmer verkauft werden. Da hab ich gleich mal zugegriffen und meinen Garten biologisch aktiviert ;-)

Aus dem ganzen hat Jakob eine recht gute Projektidee geboren: Ich werde wohl in Los Trejos mit Armando, einem recht aufgeweckten Jungen dort einen kleinen Garten anlegen, damit er was hat worauf er aufpassen kann. Er hat schon ein Plätzchen ausgesucht und saubergemacht, übermorgen werd ich ihm die Erde vorbei brigen und ein paar Tomatenpflänzchen und Saatgut und dann werden wir erst mal gärtnern ;-)

Nach drei Monaten Vorbereitungszeit ist es mir in diesem Monat auch zum ersten mal gelungen die "Revista Lutherana" rauszubringen, eine art Kirchenzeitung, die allerdings nur aus zwei A4 Seiten besteht und einfach an die Wand gehängt wird. Der eine Teil ist ein Kalender auf dem die Aktivitäten im aktuellen Monat stehen. Der andere enthält berichte von wichtigen Ereignissen in den Communidades. Ich halte das ganze für eine ganz gute Idee, damit die Leute ein bisschen mitbekommen was in ihrer Kirche eigentlich läuft (oder nicht läuft). Bisher kriegt man nämlich nur was mit, wenn man immer zugegen ist, was die wenigsten sind.

So, jetzt seid ihr mal wieder ein bisschen im Bilde was ich so treibe. Lasst mal was von euch hören, richtet am besten auch alle so nen Blog ein, damit ich hier nicht hinterm Mond bleibe ;-)

Liebe Grüße,
euer Christoph