Samstag, 22. September 2007

Christoph Unterwegs

Salut ustedes!

Sicherlich wartet ihr alle schon sehnlich auf diese Rundmail, ich hab ja länger nichts von mir hören lassen, weil ich die letzten Tage wirklich viel unterwegs war, aber: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen (oder so ähnlich). Von meinem Besuch auf den Islettas hab ich ja schon erzählt, danach begann für mich meine letzte Schulwoche in Granada. Am Montag raffe ich mich also schweren Herzens auf wieder in die Schule zu gehen, allmählich hab ich mich an die Zeitumstellung gewöhnt und bin auch hier zum Langschläfer geworden, auch wenn das hier nicht so einfach ist, weil ab 6 Uhr in der Früh der Krach los geht und ab 7 beim besten Willen nicht mehr an schlafen zu denken ist, aber man kann ja in seinem Bett liegen bleiben, ein bisschen lesen oder in der Gegend rum schauen (es gibt hier recht interessante Geckos, die aus Italien importiert wurden um Moskitos zu fressen, sie können an der Wand laufen und platzieren sich meist in der Nähe von Glühbirnen, weil dort die Moskitodichte am größten ist). Mein Spanisch ist mittlerweile schon ganz gut, auch wenn man immer wieder ein bisschen braucht um reinzukommen, bis sich das Hirn umstellt. Am Dienstagabend bin ich zum letzten Mal ins Internetcafé gegangen, danach haben wir auf dem Parce Central noch ein paar Freiwillige aus Frankfurt getroffen, es ist wirklich der Wahnsinn, wie viele Freiwillige sich hier tummeln, nahezu in jeder größeren (auch in vielen kleinen) Städten gibt es jemanden von dem wir mittlerweile eine Handynummer oder irgendeinen Kontakt haben, was wirklich praktisch ist. Wir waren noch ein wenig unterwegs um unseren letzten Abend in Managua zu feiern. Es war wirklich recht lustig und vor allem mal schön mit mehreren Menschen auf Deutsch zu reden, sonst ist immer nur Jakob da, mit dem ich mich zwar gut verstehe, aber auf dauer ist es manchmal doch ein wenig eintönig ;-). In unserer lustigen Runde ist mir außerdem eine bemerkenswerte Sache aufgefallen: Sowohl der berühmte Cuba Libre, als auch das Libre-Derivat Nica Libre bestehen hauptsächlich aus Coca Cola. Wie soll man das verstehen? Diese beiden Staaten sind zwar auf den Imperialismus Amerikas überhaupt nicht gut zu sprechen, produzieren aber ihr "Nationalgetränk" hauptsächlich aus dem Musterbeispiel des Wirtschaftsimperialisums und versehen es auch noch mit dem Beinamen "libre". Manchmal ist die Welt paradox ;-) Am Mittwoch verabschieden wir uns schweren Herzens von unseren Spanischlehrern, die wir wirklich ins Herz geschlossen und fast alle dazu verpflichtet haben mal bei uns in Managua vorbeizuschauen. Ich denke außerdem, das wir noch ein paar mal nach Granada zurückkehren wollen, weil die Stadt wirklich nicht schlecht ist (jeder der nach Nicaragua kommt sollte mal dort gewesen sein ;-) Der weitaus schwerere Abschied ist allerdings der von unserer Familie, die sich in den vergangenen drei Wochen wirklich rührend um uns gekümmert hat und in der wir uns auch wirklich eingelebt haben, in Managua muss ich diese Vertrautheit erst wieder finden, das wird wieder ein paar Wochen dauern, hat aber durchaus was spannendes. Nach einem letzten Mittagessen und einem gemeinsamen Foto begeben wir uns also wieder auf die Reise, unser Ziel diesmal: Die Isla de Ometepe (Miskito: Die zwei Hügel), eine Vulkaninsel, bestehend aus den Vulkanen Conceptión und Madera. Mit dem Rucksack auf dem Rücken geh ich ein letztes Mal durch die Calle Commercial (=Marktstraße). Die Mittagshitze ist beinahe unerträglich, der schwere Rucksack drückt auf den Rücken und trägt nicht gerade dazu bei, dass dieser gut belüftet wird. Trotzdem fühlt sich der Staub der Straße anders an als sonst, trotz all dem Schweiß und der Hitze habe ich das Gefühl einer großen Freiheit in mir, das Gefühl nicht zu wissen wo ich heute abend schlafen, was ich essen, welche Menschen und Problemen ich begegnen werde, dieses Gefühl, dass alles möglich ist, sich einfach treiben lassen zu können. Das ist das tolle in Nicaragua. Man ist nicht auf einen Busfahrplan angewiesen. Wenn man nach Rivas will, geht man einfach an die Bushaltestelle, wird dort von den Busfahrern in den Rivas-Bus geschrieen, setzt sich rein und wartet einfach bis er los fährt. Spätestens nach 15 Minuten ist man auf dem Weg. Wir fahren also über Nandaime nach Rivas, immer wieder steigen Leute zu und aus, nach Nandaime ist das Land allerdings 40 Km so gut wie kaum Bewohnt, die Straße gut. Über die Mittagshitze wird man Müde und träge, die Augen fallen einem zu, und die Marktfrau die neben mir sitzt schläft irgendwann an meiner Schulter ein. Ich bin erst mal ein wenig irritiert, da ich sie überhaupt nicht kenne, will aber ihren sicher verdienten Schlaf nicht stören. Ein Schlagloch weiter schreckt sie jedoch plötzlich hoch, schaut mich kurz an, lächelt, schläft wieder ein und lässt ihren Kopf wieder an meine Schulter sinken ;-) In Rivas angekommen fahren wir in die Hafenstadt San Jorge (sprich: San Chorche ;-) und wollen uns erkundigen, wann die nächste Überfahrt auf die Insel ist, stellen aber fest, dass es sich mit Boten und Fähren genauso verhält wie mit Bussen, hüpfen über eine wacklige Holzplanke auf das "barco" und lassen das Festland hinter uns. Das Boot ist keine große fähre, misst nur 12 Meter und ist voll beladen mit Reis, Eiern, Kleidung in Kartons, zwei Hühner und sonstigen Handelswaren. Das Boot hat übrigens kein Geländer oder keine Reling, es hört einfach irgendwann auf, das erleichtert das Be- und Entladen ungemein. So setze ich mich möglichst mittig auf den Boden, lehne mich an einen Reissack und lasse mir die Sonne aufs Haupt scheinen. Wenige Minuten später legt das Wunderwerk nicaraguanischer Ingenieurskunst ab und nimmt Kurs auf Moyogalpa. Die beiden Vulkane, die vorher nur schemenhaft wahrzunehmen waren schälen sich langsam aus der dunstigen Seeluft. Die Gipfel der 1600 und 1450m hohen Vulkane sind von Wolken umhangen und geben keinen Blick auf den Krater frei. Wer den sehen will, muss rauf. Nach einer guten Stunde sind wir die 17 km über den See getuckert und gehen die Hauptstraße Moyogalpas hinauf (nun, das Dorf besteht etwa aus 4 Straßen). Wie immer an von Touristen viel frequentierten orten (also verhältnismäßig viel frequentiert eben) werden wir von Taxifahrern gefragt ob sie uns irgendwo hinfahren sollen (in dem 4 Staßen Dorf ;-) Als besonders hartnäckig stellt sich jedoch ein Werber heraus, der uns seine Hospedaje zeigen will. Da wir nicht wissen wo wir heute schlafen sollen gehen wir mal mit. Die Hospedaje hat genau 4 Zimmer, ein "Bad" und ein paar Plastikstühle. Ausserdem auf der Plusseite: ein nicht funktionierender Kühlschrank und ein Fernseher mit Kabelanschluss! (Stromkabel ;-) Wenn das mal nicht überzeugt. Das ganze ist das Projekt einer jungen Familie, die sich damit eine Existenz aufbauen will. Die Zimmer sind wirklich nicht luxuriös, haben etwa den Charme einer Gefängniszelle, sind aber sauber. Wir wollen den armen Carlos nicht enttäuschen, nachdem er sich so viel Mühe gegeben hat und schreiben uns für zwei Nächte im "Caderno de Clientes" ein. Er ist uns auch gern bei der Planung des morgigen Tages behilflich. Wir wollen unbedingt einen der beiden Vulkane besuchen. Der Conceptión ist erstens näher und zweitens schöner, also steht er auf dem Tagesplan, außerdem wollen wir uns ein wenig entspannen und deshalb einen Strand in der Nähe aufsuchen. Am nächsten Tag um halb 8 stehen wir also am Fuß des Vulkans und beginnen bei 100 m Meereshöhe unseren Aufstieg auf 1000 Meter. Die erste Stunde geht noch ziemlich flach dahin, immer wieder begegnen wir Campesinos auf ihren Pferden, die von ihren Bohnenfeldern oder Kaffeeplantagen zurückkehren, als der Wald allmählich beginnt dichter zu werden, beginnen über unseren Köpfen Kongos, Gorillaähnliche Affen, ihr Schreikonzert. Es ist wirklich faszinierend im selben Wald wie freilaufende Affen rumzulaufen, ein paar mal kann man in den Baumkronen sogar einzelne erkennen. Wir steigen weiter auf, die Hitze wird immer unerträglicher, der Weg immer steiler und schmaler. Obwohl ich normalerweise nicht viel schwitze läuft mir das Wasser runter. Mein T-Shirt tropft richtig. bei 500m beginnt der Feuchtwald, was die gefühlte Temperatur noch mal verdoppelt, zumal die dichte Vegetation jeden Luftzug wirkungsvoll verhindert. Ausserdem folgt der "Pfad" strikt dem Weg des Wassers: Direkt nach oben, keine Serpentinen oder solcher Krams, einfach vorwärts. Stellenweise hat der starke Regen den Weg 1,50m tief ausgewaschen und wir gehen bis zur Brust "unter" der Erde. An anderen wachsen die Pflanzen so dicht, dass man nicht bis zum Boden sehen kann und sich einfach tastend den Weg suchen muss. Auf 800m verändert sich die Vegetation schlagartig, die vorherige Vielfalt an schnellwüchsigen Bananenartigen Pflanzen wird durch buschartige Gehölze ersetzt. Wir steigen weitere 100 Meter auf, bis die Vegetation ganz aufhört und sich uns ein atemberaubender Anblick über den Nicaraguasee bietet. Ich will hier keine Zeilen mit der Beschreibung dieses Gefühles verschwenden, wer einmal einen wirklichen Gipfel erzwungen hat, kennt das, auch wenn wir keinen wirklichen Gipfel haben, aber der würde noch mal 3 Stunden dauern und dann müssten wir noch absteigen, außerdem haben wir bis hierher jeder 3l Wasser getrunken. Vielleicht kommen wir noch mal wieder, wenn wir mehr Zeit haben. Nach einer halben Stunde dort oben beginnen wir den Abstieg und kämpfen uns noch mal durch den Dschungel. Unser Vorhaben einen Strand zu besuchen streichen wir und bleiben stattdessen einfach in den Stühlen sitzen und erholen uns. Am nächsten Tag reisen wir wieder zurück nach Granada, nehmen allerdings diesmal die große Fähre, weil sie früher fährt. Nach Meinung der Nicas soll sie außerdem sicherer sein. Ich weiß allerdings nicht, ob es wirklich ein gutes Zeichen ist, ´wenn man nach betreten des Schiffes erst mal eine Schwimmweste gereicht bekommt ;-) In Granada essen wir ein allerletztes mal bei unserer Gastfamilie, verabschieden uns nochmals und nehmen unsere Bücher und Schulsachen mit, die wir dort gelassen haben. Dann geht es weiter nach Managua, in unser Haus, wo uns Rachel, die amerikanische Freiwillige und Anne, ihre Nachfolgerin schon erwarten. Wir begrüßen uns, unterhalten uns kurz, dann fällt der Plastikbeutel mit den Pflanzen ihnen auf und mir wieder ein: Ich habe aus Granada eine Bananenpalme und ein paar Blumen mitgenommen. Eigentlich wollte ich erst am Samstag beginnen den Garten herzurichten, aber die Pflanzen sind sichtlich durstig, so ist das erste was ich im Haus in Managua mache Unkraut roden und Garten umgraben. Die beiden Amerikaner denken wohl, dass ich total bekloppt bin. Jeder normale Mensch hätte sich wohl zuerst mal geduscht, aber dieser idiotische deutsch gräbt erst mal den Garten um ;-) Jetzt ist jedenfalls alles an Ort und stelle und wir können unsere Beete bestellen. Wir müssten nur noch Saatgut dafür finden, aber das wird sich mit der Zeit lösen lassen. Tomaten wachsen ja schon. Das Umgraben nimmt einige Zeit in Anspruch, ich bin erst fertig, als es schon dunkel ist. Kurz danach kommen noch zwei deutsche an, die wir in Granada kennengelernt haben. Sie werden bei uns wohnen, bis am Mittwoch ihr Flug zeug nach Puerto Cabezas an der Atlantikküste geht, wo sie ihren Freiwilligendienst leisten werden. Schaut mal nach wo Puerto (oder Bilwí auf Miskito) liegt. Dorthin führt eine einzige nur saisonal (manchmal) befahrbare Straße, die ein paar hundert Kilometer nur durch Urwald führt. Dort gibt es außer Moskitos wirklich gar nichts. Wir 6 verbringen noch einen lustigen ersten Abend in unserer Casa und schlafen dann in den Betten die für das nächste Jahr unsere sein werden. Den Samstag verbringen wir damit auszuschlafen und einzukaufen, weil für unser Wohlbefinden doch noch einiges Fehlt, zum beispiel ein Bettlaken, weil ich die Nacht unter einer Wolldecke verbracht habe und beinahe umgekommen wäre vor Hitze. Ausserdem wasche ich zum ersten mal meine Gesamte Wäsche von Hand. Die Eroberung Amerikas hätte deutlich schneller und friedlicher vonstatten gehen können, wenn die Conquistadoren einfach Waschmaschinen mitgebracht hätten. Jeder hätte eingesehen, dass diese Kultur großes hervorgebracht hat ;-) Da Arbeit hungrig macht, haben wir alemanes heute abend für alle Hausbewohner und zwei Gäste Schweinebraten gemacht, richtig mit Blaukraut und Knödeln! Es war zwar nicht ganz einfach alle Zutaten zu bekommen und einiges Improvisationstalent nötig, aber am Ende hat es wirklich geschmeckt wie richtiger Schweinebraten, das Blaukraut war wirklich wunderbar und das, obwohl auf einem Herd mit nur einer richtig funktionierenden Flamme zubereitet (zwischendrin war auch noch die Gasflasche leer). Ich muss sagen, dass ich ein wenig stolz auf mich bin, unter diesen Umständen einen ordentlichen Schweinebraten hingebracht zu haben (dem Bayerischen Kochbuch sei Dank ;-) Die anderen alemanes haben mir schon den Beinahmen "Mutti" verliehen ;-)

Morgen werd ich noch einen letzten freien Tag hier verbringen, noch ein paar Sachen reparieren und am Montag beginnt dann meine richtige Arbeit. Ich bin gespannt ;-)

Liebe Grüße, euer Christoph

Keine Kommentare: