Mittwoch, 17. Oktober 2007

Hallo mal wieder

Salud Ustedes!
Meine ersten beiden Arbeitswochen sind rum, allmählich bekommt alles ein bisschen Routine und ich gewöhn mich allmählich an das Leben in der Großstadt. Das war am Anfang schon eine gewisse Umstellung aus dem beschaulichen Neumarkt raus, in eine Millionenstadt in einem Entwicklungsland. Da wäre zum beispiel der Arbeitsweg. Ich habe das Glück erst um 9 Uhr anzufangen, da ist der große Berufsverkehr schon vorbei und der Bus braucht 30-40 Minuten. Will man um 8 losfahren muss man schon um 7 oder halb 7 losfahren, weil der Verkehr so dicht ist. Dann bekommt man auch keinen Sitzplatz im Bus und es ist verhältnismäßig eng (für Nica-Verhältnisse, in Deutschland würde man sagen der Bus ist überfüllt). Noch krasser ist es aber Abends. Ich schau immer, dass ich spätestens um 4 Uhr die Rückreise antrete, da geht es meistens ziemlich gut, ausserdem steige ich immer ziemlich am ende der Linie ein, da ist der Bus noch leer. Wenn man aber mal erst um halb 6 aus der Arbeit
kommt, wird es schon kritisch. Am Anfang gehts meistens noch, weil die Kirche am Standtrand liegt, aber der Bus füllt sich nach und nach immer mehr, weil die Wohnviertel eben in der anderen Richtung sind. Dort wo wir dann aussteigen ist der Bus dann am vollsten. Ich will mal versuchen das zu beschreiben, aber ich glaube das kann man sich als in deutschland Lebende/r gar nicht vorstellen. Ich glaube in diesen Bussen werden 250 Personen auf ein mal befördert. Es gibt ungefähr 40 Sitzplätze, der Rest steht. Aber nicht so dicht an dicht, wie wenn man in München morgens mit der U-Bahn fährt (und meint "oh, das ist aber eng hier") Es ist einfach so eng, dass selbst mit drücken keiner mehr rein passt. Wenn man nicht das Glück hat einen Sitzplatz zu haben, hat man Körperkontakt von der Sole bis zum Scheitel. Ungelogen, es ist einfach unglaublich. Man braucht sich nicht festhalten, weil es keine Möglichkeit gibt irgendwohin umzufallen. Mich wundert es auch, dass nicht einfach das Bodenblech dieser Busse durchbricht, weil sie für eine solche Personendichte einfach nicht gemacht sind. Zum glück gibt es hier keine LKW Wagen, wie in Ingolstadt wenn man Richtung München fährt. Da würde diese Busse ihr zul. ges. Gew. wohl um das zweifache übersteigen.Aber irgendwie bewunder ich die Busse schon, sie tun einfach jeden Tag ihren dienst, fahren Kilometer um Kilometer durch Managua und gehen nur selten kaputt (hab ich aber auch schon erlebt: Der Bus rollt einfach bis zur Nächsten Haltestelle, man steigt aus, kriegt sein Fahrgeld wieder und fährt mit dem nächsten Bus weiter. Am Abend stand der Bus immer noch an der selben stelle ;-) Wenn ich dann in der Arbeit bin, gibt es meistens nicht so wirklich viel zu tun, wie das wohl in jeder neuen Arbeit ist. Man muss eben erst reinfinden. Aber seit dieser Woche gehts. Ich sitzt nicht mehr den ganzen Tag blöd rum und schau dass es Abend wird. In ein paar Wochen soll es hier ein Theater geben, zum Thema Aids und wie die Gesellschaft damit umgeht. Die Idee kommt von Miguel, einem sehr jungen Pfarrer, zu dem ich einen ziemlich guten Draht habe. Mein "Betreuer" Mario ist zwar genaus jung, aber mit ihm werd ich nicht so richtig warm. Er ist ein bisschen steif und benimmt sich irgendwie als wär er 20 Jahre älter. Aber er ist meistens sehr beschäftigt (um ehrlich zu sein: ich weiß eigentlich nicht, wo er sich den ganzen Tag versteckt ;-) . So sehr, dass er seit 2 Wochen nicht dazu kommt den Arbeitsspeicher zu suchen den ich brauche um den 2. PC zu reparieren oder mir eine Autorisation zu schreiben aus 2 kaputten, unbenutzbaren Computern einen funktionierenden zu machen. Aber ich bin hartnäckig (oder nervig ;-) und frag ihn jeden Tag wieder ;-) irgendwann wirds ihm schon zu bunt werden.Dafür mach ich eben jetzt mit Miguel das Theater. Als Schauspieler auf einer Bühne zu stehen hat mir ja noch nie so richtig gefallen, deswegen bin ich auch diesmal wieder im verborgenen tätig: Ich soll die Kulissen und Kostüme basteln, am Anfang war ich nicht so begeistert, weil ich dachte es geht nur um ein paar Insektenflügelchen und Antennen, aber mittlerweile sind ein paar hübsche Sachen hinzugekommen: Ein riesiger beweglicher Haufen Scheiße (lustigerweise das einzige Wort was er auf deutsch konnte ;-) der die Gesellschaft symbolisiert und den ein Mensch in Ketten versucht wegzuziehen. Dabei sitzt ein anderer auf dem Haufen und schlägt mit einer Peitsche auf den armen ein. Das ist so das einleitende Bild. Danach fällt der Vorhang, man sieht einen Tisch mit zwei Gedecken, Stühle, einen Spiegel. Am Tisch sitzt ein Paar, sie unterhalten sich, sind sehr verliebt usw. Irgendwann gehen die beiden nach hinten/auf die Seite hinter ein gespanntes Tuch. Hinter dem Tuch steht irgendein Scheinwerfer (in Deutschland würd ich jetzt sagen: Basti, ich brauch an 2 KW PC und ein stativ, kriegst a Flasche Jack, hier muss ich noch sehen wie das funktioniert) und projeziert die Schatten der beiden auf das Tuch. Man sieht ausserdem ein Bett. Die zwei wollen eben jenes betreten, äussern erst Bedenken wegen Aids und Hiv, aber man beschließt dass man noch jung ist, Aids nur Leute haben die im Ghetto wohnen und man sich nicht so viele Gedanken machen soll. Die beiden gehen ins Bett, das Licht erlischt und im selben Moment fällt das Schattenspieltuch über die zwei. Ausserdem fällt hartes, aber nicht zu helles Licht aus zwei richtungen auf das Tuch (in Deutschland würd ich jetzt sagen: Basti, ich brauch zwei Stufis, einmal mit 102, einmal mit 797, kriegst an ganzen Liter). Das Tuch liegt einige Sekunden still da, dann beginnen die beiden sich unter dem Tuch zu bewegen, versuchen irgendwie rauszukommen, durch das Tuch zu kriechen. Währenddessen sind mehrere Andere unter das Tuch gekrochen, die es auch bewegen und ihre Hände dagegendrücken. Die optische Unruhe wird immer größer, bis irgendwann das Tuch in der Mitte aufreißt und ein Insekt daraus hervorkriecht, mit ekligen Fühlern, fettigen Flügeln, Schabenartig. Die Schauspieler von vorher haben sich verwandelt und werden jetzt durch verschieden Insekten verkörpert: 2 Kakerlaken, 1 Moskito und eine Spinne. So geht also das stück weiter, was jetzt genau passiert weis ich noch nicht genau (ich weiß auch nicht ob Miguel weis was jetzt passiert ;-) Aber ich finds von der Idee bis hierher eigentlich schon mal recht spannend. Irgendwie soll das ganze auch auf einer Freiluftbühne aufgeführt werden. Vielleicht gibts da lichtmäßig wirklich was, ich hätt schon ein paar Ideen was man da machen könnte. Aber jetzt werd ich morgen (hoffentlich, eigentlich hätt ich schon am Montag hingewollt, aber dann war das Auto weg oder mein Begleiter oder das Geld oder was weis ich was) auf den Markt fahren und mal Material einkaufen. Ich freu mich schon richtig drauf ein bisschen zu basteln und zu schaun ob das alles funktioniert. Mein Schreibtisch lässt übrigens immer noch auf sich warten, weil es hier seit 2 Wochen jeden Tag regnet. Und wenn es regnet, kann der schreiner Daniel nichts machen, weil seine "Werkstatt" nur ein Dach hat wo seine Kreissäge steht (also auf 2mx3m). Vielleicht hat sich der Schreiner Daniel aber auch mit der Hälfte von dem Geld die ich ihm im Vorraus gezahlt hab (weil er den Schreibtisch ja nach meinen Vorgaben macht) auch einfach davon gemacht und lebt jetzt mit seiner Espusa in einer schönen Finca an der Karibikküste (allzu weit dürfte er mit den 30 Dollar aber auch hier nicht kommen). Immerhin hat er schon die Tischplatte halb fertig und wir bewegen uns auf die Trockenzeit zu. Vielleicht hab ich bis Weihnachten was und muss zum Arbeiten nicht immer den Esstisch freiräumen und in meinem Zimmer liegt nicht immer so viel Kram auf dem Boden rum.Dafür hat das mit dem Internetanschluss ziemlich schnell geklappt, dank der Unterstützung von Don Omar, dem Administrador hier, der bei der Anmeldung gleich alles dabei hatte was man hier so braucht (Geburtsurkunde der Bischöfin, Pass, Autorisation natürlich, Kaufurkunde für das Haus, Liquiditätsnachweis, Blutspendeausweis) Ich hab der Frau auch immer fleißig von meinen Keksen die ich vorher gekauft hatte angeboten, vielleicht hats nur deswegen funktioniert.Auch in unserer Küche gehts vorwärts, heute haben wir unseren Herd zum Reparieren gebracht, weil man nur eine Flamme zum Kochen verwenden konnte. Würde Gas nicht blau brennen, könnte man mit den Anderen wenigstens Licht machen, aber so taugen sie eigentlich zu gar nichts. Auch der Ofen hat nicht so richtig funktioniert, was dran liegt, dass die Dämmung von Mäusen aufgefressen und es deswegen nicht so richtig heiß wurde. Mittlerweile ist auch mein Spanisch so gut, dass ich selbst mit dem Ofenreperateur sprechen und ihm die Probleme erklären konnte und er sich sogar auf eine ernsthafte Preisverhandlung eingelassen hat. Dieses Verhandeln macht eigentlich spaß, weil man irgendwie danach immer das Gefühl hat ein schnäppchen gemacht zu haben (ha, erst wollte er 1500 Cordoba, jetzt zahl ich 1200, 300 Cordobar gespart!). Wahrscheinlich hätte er von einem Nica von vornherein 1000 verlangt, aber das ist ja egal ;-) Auch unsere Stühle haben wir zum richten gebracht, weil manche ziemlich hinüber sind und das Netzt aus dem die Rückenlehne und die Sitzfläche sind sich in seine Einzelteile auflöst. Das einzige was momentan ein wenig Stagniert (ich muss mal ein paar spezialwörter benutzen, sonst sprech ich nach meiner Rückkehr nur noch Baby-Deutsch) ist das Ameisenloch. Das Ausheben ging ja richtig schnell, nach ein paar Tagen hatten wir ein wunderschönes Loch, aber irgendwie hat Paulino jetzt keine Lust mehr weiterzumachen und alleine will Orlando auch nicht und er Muchacho der im helfen sollte ist irgendwie noch nicht gekommen. Aber heute war er da und hat sich das mal angeschaut, damit er sich seelisch auf das Loch einstellen kann ("Ah, so ein Loch also, aus Erde und tief und so. Na wenn das so ist, werd ich wohl morgen mal eine Schaufel mitbringen, was?!") Naja, so ist das eben hier, man muss sich ein bisschen dran gewöhnen. Dafür wächst mein Gemüsebeet (momentan ist es eher eine Flaschenbodensammlung) schon prächig. Heute ist das Paket meiner lieben Mutter mit Gewürzsamen angekommen (vielen Dank!) und ich hab gleich mal gesät. Schon am gedeihen sind: Tomaten und Wassermelonen, die andern sachen werden hoffentlich anfangen zu keimen. Und schon bald werden wir unsere köstlichkeiten mit frischen Gewürzen aus eigenem biologischen Anbau würzen und verfeinern können!

Für heute hab ich wohl genug geschrieben, aber wenn ich mal drin bin, dann geht es so schön.

Ausserdem steth der erste Unterstützerkreisbericht an, mal sehen was ich da schreibe, weil eigentlich bekommen ja alle die dabei sind auch den Newsletter. Mal sehen, was ich mir da einfallen lasse.

Lasst mal was von euch hören, es gibt ja Zuhörerinen und Zuhörer (bitte wie sagt man denn da bei einem Newsletter? Zuleser oder was?) aus ganz Deuschland, ich will auch wissen was ihr so treibt. Ausserdem würde mich interessieren wo beim Obi jetzt ein Kreisverkehr gebaut wurde.


Liebe Grüße aus Managua!
euer Christoph

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