Montag, 29. Oktober 2007

24 Stunden auf einer Latina

Salud ustedes!
Nach langer Zeit meld ich mich mal wieder, ich hoff ihr habt mich ordentlich vermisst ;-) Aber meine virtuelle Abwesenheit hat auch einen guten Grund: Die Spontanität der Nicaraguaner. Letzten Samstag Nachmittag saßen Jakob, mein "Kollege" und ich seelenruhig in unserem Innenhof (das immer noch von einem Loch geschmückt ist) und hatten und hatten uns eigentlich auf einen schönen, ruhigen Nachmittag gefreut.
Um 3 Uhr nachmittags klingelt allerdings das Telefon und reißt uns aus den süßen träumen: Es ist Melba, Jakobs Chefin die ihm sagt, dass ihre Chefin (die Bischöfin) ihr gesagt hat, dass sie mit einer Ärztedelegation aus den Vereinigten Staaten an die Küste fahren soll und möchte das Jakob mitkommt. Allerdings glaube sie nicht, dass dies sinnvoll sei und schlägt deshalb vor so zu tun als hätte sie ihn nicht erwischt. Ihr Bus würde gleich abfahren und dann könnte Jakob hier bleiben.
Von dieser Abmachung wusste allerdings niemand in der Kirche und so haben alle versucht uns zu erreichen. Irgendwann haben sies dann geschafft und Jakob wurde also zur Kirche zitiert. Allerdings war er ein bisschen krank und hatte deswegen keine große Lust. Aber es hilft nichts, er soll mitfahren, schließlich will es die Bischöfin so.
Meine letzten Wochen waren ja nicht so richtig spannend, ich hab eigentlich jeden Tag damit verbracht drauf zu warten ob irgendein Pickup funktioniert. Also hab ich einfach gefragt, ob ich auch mit darf. 10 Minuten später waren wir schon im Taxi zur Kirche unterwegs, ich hab ausser Zahnbürste, T-Shirts, Unterhosen und Socken eigentlich nichts dabei gehabt. Normalerweise denkt man sich, dass man nur gut vorbereitet auf eine solche Reise geht (die Küste heißt nicht umsonst Miskito-Küste, Miskito wegen dem Volksstamm der da lebt, aber ich glaub die nennen sich so wegen den Moskitos). Ich hatte also kein Repellente, kein Moskitonetz oder sowas dabei.
In der Kirche angekommen haben wir uns erst mal zu den Amerikanern gesellt, ein bisschen mit ihnen geplaudert und auf den Bus gewartet (für den wir uns so geschikt haben). Eine halbe Stunde später sagt man uns, dass die "Coche" (im prinzip alles was vier Räder hat) da ist. Auf der Straße steht ein kleiner LKW mit offener Ladefläche. Dieses Gefährt soll uns also zur Küste bringen. Wir steigen also auf, mit uns noch Melba (Jakobs Chefin), und drei andere Jugendliche. Die Frauen und der Fahrer machen es sich im Führerhaus bequem, wir auf der Ladefläche (span: "latina" ;-) Wir fahren also los, erst mal durch ganz Managua (die Kirche ist am westlichen Ende), vorbei am Flughafen und dann weiter nach Osten. Mit Einbruch der Dunkelheit beginnt es zu regnen, glücklicherweise hat irgendjemand gelbe Plastikjacken und -hosen aufgeladen, unsere Rucksäcke verschwinden unter einer Folie. Wir fahren gute drei Stunden durch die Nacht auf der Panamerikana, werden überholt von LKWs die Benzin aus Managua an die Küste bringen, halten kurz an um zu essen (Gallo Pinto con Pollo) und fahren wieder weiter. Kurz vor Rio Blanco müssen wir runter von der geteerten Straße, weil die Brücke vom Hurrikan vor 6 Wochen weggerissen wurde und über eine andere, die jedoch nur über eine Piste zu erreichen ist. Die Brücke ist gerade so breit wie unser LKW, das Wasser tiefschhwarz, Bäume lassen ihre Wurzeln ins Wasser hängen und das einzige was man durch die Dunkelheit hört ist das Brummen des LKWs. Man kann sich wohl schwer vorstellen wie das ist, mitten im nirgendwo über so eine schmale Brücke zu fahren, die die Lebensader für alles was dahinter ist darstellt.
In Rio Blanko, der letzten Stadt für die nächsten 200 Kilometer. Es wird noch mal getankt, wir versorgen uns mit Wasser und brechen dann auf in die Wildnis. Hier beginnt das Nirgendwo. Die "Straße" ist einfach eine (meist) baumfreie Fläche die durch den Urwald geschlagen wurde, ein Schlagloch hinter dem anderen, 20 km/h sind schon waghalsig und nicht zu empfehlen, wenn man kein ersatzdifferential dabei hat (wie ein LKW, der 100 Km hinter Rio Blanko liegengeblieben ist). Wir fahren die ganze Nacht, unter von Orchideen bewachsenen Bäumen, über weitere schmale Brücken, alle paar Kilometer stehen 10 Hütten, die an die Straße gebaut sind. Immer wieder laufen Rinderherden über die Straße oder das eine oder andere Huhn. Allmählich wird es wieder hell, Nebel liegt über dem lichten Wald. Hier, wo viel Viehzucht betrieben wird stehen nur wenige Palmen in der Landschaft aber so kann man von der Ladefläche ein bisschen weiter schauen, es ist erstaunlich hügelig hier. In der früh um 6 Uhr kommen wir in einem Dorf namens "Mulukuku" (lautmalerisch, jedes U ein Schlagloch) an und frühstücken dort (Gallo Pinto con Queso). Nach einer Stunde geht es wieder weiter. Gegen Mittag passieren wir Rosita, ein Nest, das als Kulisse für einen Wildwestfilm dienen könnte. Überall trockener, sandiger Boden, zweigeschossige Holzhäuser mit einer Veranda, sträunende Hunde und an Zaunpfählen festgebundene Pferde. Vorbei an den Minen und einem unnatürlich türkisen See fahren wir weiter richtung Puerto Cabezas. Es sind "nur" noch 200 Kilometer bis zur Küste (ca. 12 Stunden). Langsam bemerkt man, was der Hurrikan Felix hier vor 6 Wochen angerichtet hat. Eigentlich war hier dichter Wald, aber jetzt sieht es aus als währe ein Wahnsinniger mit einem riesigen Rasenmäher hier rumgefahren und hätte alles in 4 Metern höhe umgeknickt. Die meisten Hütten sind schon wieder zusammengenagelt, aber vereinzelt liegen auch noch Bretterhaufen rum auf denen ein Palmenblattdach thront. Einfach umgeweht. Manche Dörfer die es besonders schwer erwischt hat bestehen nur noch aus über Baumstämme geworfenen Plastikplanen.
Nach weiteren Stunden durch Wälder (irgendwann stehen keine Palmen komischerweise Kiefern !?) kommen wir nach 25 Stunden in Puerto Cabezas (Bilwi) an. Dort arbeiten zwei Freiwillige aus Baden, die ein paar Tage bei uns in Managua gewohnt haben. Sie holen uns ab und bringen uns in ihr Haus. Seit drei Tagen haben sie dort wieder Strom, zumindest gelegentlich. Fließendes Wasser gibt es seit ein paar Jahren nicht mehr, weil die Kanalisation kaputt und kein Geld da war um sie zu reparieren. Also sammeln die beiden fleißig Regenwasser, zum Duschen, zähneputzen und abspülen. 100 meter weiter gibt es glücklicherweise eine Wasseraufbereitungsanlage bei der man sich trinkwasser holen kann.
Eine Stunde später treffen wir uns wieder, es gibt einen Gottesdienst für die Amerikaner auf kreolisch. Allerdings ist mir diese Iglesia Morava (die Kirche hier in Puerto, nicht die wo ich normalerweise arbeite) etwas suspekt. Der Inhalt der Predigt lautet etwa wie folgt: "Kümmere dich nicht darum ob auf deinem Lebensweg ein Stein liegt und verschwende keine Energie drauf ihn dort weg zu bekommen, sondern glaub einfach fest an Gott, der wird sich dann schon drum kümmern" Ich frage mich in welchem Maß die Iglesia Morava für die 90% Arbeitslosigkeit hier verantwortlich ist.
Nach dem Gottesdienst gehen wir erst mal schlafen. Nach 25 Stunden Rüttelkur ist ein Bett einfach eine Wohltat. Das nächste Mal komm ich mit dem Flugzeug ;-) (einen Flughafen gibt es). Am nächsten Tag in der Früh um 8 wollen wir uns mit Melba und den anderen Treffen, packen gerade unsere Taschen mit Wasser voll, da klingelt mein Handy: Wir sollen alles mitnehmen, wir fahren zurück! Na wunderbar, wir packen also alles wieder ein und gehen zum Treffpunkt. Melba ist ziemlich sauer, weil es für sie irgendwie keine Arbeit gibt. Mit der Delegation können sie auch irgendwie nicht mit aber in Managua hat sie viel zu tun, deswegen wird sie sofort zurückfahren. Glücklicherweise weiß ich, dass Moritz (einer der freiwilligen) hier ein Internetcafe ausstatten soll, aber sich nicht so gut auskennt, also sag ich, dass ich schon arbeit hätte. Jakob erfindet auch irgendwas. Dann hören wir uns ein bisschen an, dass wir nicht aus touristischen Gründen hier sind, aber dann sieht sie doch ein, dass es für uns schon noch mal eine andere Sache ist mal hier zu sein als für Sie. Ausserdem fährt Arnoldo mit dem LKW erst am Donnerstag zurück und wir können mit ihm heimfahren. Aber das ist typisch hier, es wird einfach nichts organisiert und dann kommt so was dabei raus.
Wenigstens haben wir ein paar - mehr oder weniger freie - Tage an der Karibikküste. Mit Swantje (der anderen freiwilligen) erkunden wir erst Puerto und wagen uns dann an den Strand. Gut, es ist kein weißer Sand, das Wasser nicht Klar bis auf den Grund, aber: Es ist die Karibik!
Wir planschen ein Stündchen im wunderebar warmen Wasser (fast schon zu warm), schauen den Fischkuttern zu, die am nahen Landesteg anlegen und gehen dann zurück in unser Häuschen. Den nächsten Tag verbringen wir damit eine Regenrinne zu basteln, weil das Regenwasser nie reicht und bekommen Besuch von einer Friseurin, die uns zum Haareschneiden einläd. Am nächsten Tag werden wir also alle geschoren (ich weiß warum ich nicht gern zum Friseur geh: Sie: So? *Schnipp* Ich: Nein, das ist zu kurz. Aber was soll man machen, es wächst ja schließlich nach. Nach dem Haareschneiden lädt sie uns auch noch zum essen ein (Gallo Pinto Con Pollo) und fragt uns dann, ob wir nicht lust hätten sie zu heiraten, weil sie nach Deutschland will. Jetzt befinden wir uns in einer reichlich komischen situation. Allerdings haben wir sie schon vorher morgen zum Abendessen eingeladen.
Am nächsten Tag kommt sie auch, bringt noch ihre Nichte und eine Freundin mit. Wir haben Fleischpflanzl gemacht, es schmeckt ihnen. Danach gehen wir noch in ein paar Clubs. Ich muss sagen, die Leute hier können einfach besser tanzen. Man sollte das bei uns einfach sein lassen, wir können dafür andere Sachen gut ;-) Aber sie können auch nur tanzen solange Reggaeton oder Salsa oder sowas kommt. Zu unserer großen Ehre hat nämlich Chuck Berry ein Stelldichein. Danach sieht es genaus bescheuert aus wie bei uns immer.

Am nächsten Tag in der Früh beginnen wir wieder unser Heimreise. Als wir aus Puerto draußen sind fragt mich Arnoldo ob ich auch mal fahren will. Ich will natürlich, fahre also 20 Kilometer über die Huckelpiste. Wir nehmen ein paar Soldaten mit, die dafür sorgen sollen, dass keiner die Straße kaputt macht. Irgendwann beginnen sie wie wild zu hantieren: Die Ladefläche ist durchgebrochen. Das Fahrgestell ist zwar aus Metall, aber die Konstruktion darüber nur aus Holz, das das Gerumpel nicht länger mitmachen wollte.
Also sammeln wir auf dem Weg ein paar Baumstämme ein, halten in einem Dorf mit dem Namen "42" (wohl weil es 42 Kilometer vor Puerto liegt) und trommeln die ganze lokale Bevölkerung zusammen um uns zu helfen. Jeder bringt einen Hammer, eine Säge, einen Wagenheber oder was weiß ich was mit und gemeinsam schaffen wir es drei Balken zwischen das Fahrgestell und die ladefläche zu bringen. Nach zwei Stunden sind wir fertig (es sieht ziemlich abenteuerlich aus) und fahren weiter nach Managua.

Den Rest der Reise erspare ich euch, ich krieg heute noch Rückenschmerzen davon.

Ich hoffe euch gehts allen gut, lasst was von euch hören!

Liebe Grüße vom andern Ende der Welt,
euer Christoph

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