Donnerstag, 29. Mai 2008

La Mascota

Bedeutet so viel wie "Das Maskottchen" und ist ein staatliches auf Kinder spezialisiertes Krankenhaus hier in Managua. Dort verbringe ich momentan einen großen Teil meiner Zeit.
Jaqueline, eine 16 jährige Mutter aus meiner Comunidad "Los Trejos" hat vor knapp 2 Monaten ihren ersten Sohn Felipe Alexander zur Welt gebracht. Erst lief alles wunderbar. Das Kind und die Mutter waren gesund und munter. Doch als ich letzten Dienstag bei Sonia war um weiter am Wassertank zu arbeiten (der mittlerweile fertig ist), wurde mir die schlechte Neuigkeit mitgeteilt.
Nach einer etwas aufwändigen Suche durchs ganze Krankenhaus (niemand konnte mir einen Nachnamen nennen) bei dem ich wirklich wunderbar von ein paar Krankenschwestern unterstützt wurde ("da, schau mal in den OP-Saal rein ob sie nicht hier sind" ;-) und endlosem stöbern in den Archiv-Heften (was für ein Segen ist ein PC mit Suchmaske!) hab ich Felipe gefunden. In einem kleinen Bettchen mit künstlicher Ernährung und Beatmung. Diagnose: Lungenentzündung.
Außenrum alles voll mit anderen Kranken, auf und unter Betten liegend, die von ihren angehörigen versorgt werden. Ich weiß nicht ob ich mich schon so an das alles gewöhnt habe, dass es mir nicht schlimm vorkommt, oder ob es einfach auch nicht so schlecht ist in so einem Gewühl krank zu sein. Wenigstens ist was los und man bekommt was mit. Eines ist jedenfalls sicher: Hier stirbt niemand allein.
Ansonsten ist das Krankenhaus in einem besseren Zustand als ich gedacht hätte. Es ist relativ sauber (auch wenn ich von Keimfreiheit nicht sprechen mag). Schwere Fälle werden nach Möglichkeit kostenlos behandelt. Das bedeutet: Wenn Medikamente da sind, gibt es welche. Wenn nicht, müssen die angehörigen irgendwoher ein paar Dollar zusammenkratzen um Antibiotika und Co zu kaufen.
Glücklicherweise blieb das Jaqueline und Raul bisher erspart. Für die beiden Eltern sind selbst die 10 Cordoba (ca. 0,50 $) für den Bus zum Krankenhaus und zurück zu viel. Raul hatte letzte Woche 5 Tage Arbeit als Bauarbeiter und bekam 50 Cordoba bezahlt (das ist selbst für hier ein Hungerlohn, aber er hat dafür dort essen können).
So fahr ich also jeden Tag ins Krankenhaus, rede mit den beiden, esse mit ihnen, begleite sie zur Intensivstation und versuche ihnen eben irgendwie zu helfen.
Um das ganze noch mal zu verdeutlichen: Die beiden sind dort 24 Stunden am Tag, schlafen auf Bänken oder auf dem Boden, haben nichts zum essen, keine Möglichkeit sich zu waschen oder umzuziehen. Zu allem Überfluss hat es letzte Woche auch wieder angefangen zu regnen. Also richtig zu regnen.
Väter sieht man vor der Intensivstation höchstens am Sonntag, sonst sind sie arbeiten und die vorgeschriebenen Besuchszeiten verhindern, dass sie ihre Kinder sehen können. Alle Eltern die dort momentan Kinder in Behandlung haben, sind jünger als 20 Jahre. Manchmal komme ich mir komisch vor, wenn sie mich fragen ob ich verheiratet bin und wie viele Kinder ich habe, und ihnen sage, dass nichts von beidem zutrifft (und wohl auch in nächster Zukunft noch nicht eintreffen wird). Dann fragen sie mich immer was das für ein komisches Land ist in dem ich wohne. Ich frags mich mittlerweile auch manchmal. Wenn man in einem Krankenhaus in Nicaragua über Deutschland erzählt, kommt einem wirklich vieles komisch vor.
Jedenfalls kenne ich jetzt so gut wie alle fälle die momentan in der Intensivstation behandelt werden.
Da ist zum beispiel Raquel, ihre Tochter Anielka hat Säure getrunken und sich dabei die Lungen verätzt, wenigstens geht es ein bisschen bergauf. Oder Glacey: Fredy ist 16 Monate alt, hat einen Herzfehler den sie nicht operieren können und zudem seit letzter Woche auch eine Lungenentzündung. Viel Hoffnung besteht nicht, sie hofft auf ein Wunder. Seit 6 Monaten. Brenda besucht abwechselnd mit ihren Schwestern ihre Tochter Estephanie, die von einem Bus angefahren wurde. Und so weiter und so weiter. Felipe ist seit knapp 2 Wochen so gut wie unverändert, wird weiterhin künstlich beatmet. Es geht mal ein bisschen bergauf, dann wieder bergab. Machen kann man als Elternteil nicht viel. Sein Kind eine Stunde am Tag besuchen, streicheln, trösten und wickeln. Der Rest ist den Ärzten und dem Schicksal überlassen. Genauso nehmen es die Nicas auch, es ist einfach gottgegeben was passiert, man kann nur hoffen, dass alles gut geht.
In diesem Sinne: Denkt drüber nach bevor ihr euch das nächste mal über unser Gesundheitssystem aufregt. Für mich hat sich vieles relativiert.

Euer Christoph