Donnerstag, 29. Mai 2008

La Mascota

Bedeutet so viel wie "Das Maskottchen" und ist ein staatliches auf Kinder spezialisiertes Krankenhaus hier in Managua. Dort verbringe ich momentan einen großen Teil meiner Zeit.
Jaqueline, eine 16 jährige Mutter aus meiner Comunidad "Los Trejos" hat vor knapp 2 Monaten ihren ersten Sohn Felipe Alexander zur Welt gebracht. Erst lief alles wunderbar. Das Kind und die Mutter waren gesund und munter. Doch als ich letzten Dienstag bei Sonia war um weiter am Wassertank zu arbeiten (der mittlerweile fertig ist), wurde mir die schlechte Neuigkeit mitgeteilt.
Nach einer etwas aufwändigen Suche durchs ganze Krankenhaus (niemand konnte mir einen Nachnamen nennen) bei dem ich wirklich wunderbar von ein paar Krankenschwestern unterstützt wurde ("da, schau mal in den OP-Saal rein ob sie nicht hier sind" ;-) und endlosem stöbern in den Archiv-Heften (was für ein Segen ist ein PC mit Suchmaske!) hab ich Felipe gefunden. In einem kleinen Bettchen mit künstlicher Ernährung und Beatmung. Diagnose: Lungenentzündung.
Außenrum alles voll mit anderen Kranken, auf und unter Betten liegend, die von ihren angehörigen versorgt werden. Ich weiß nicht ob ich mich schon so an das alles gewöhnt habe, dass es mir nicht schlimm vorkommt, oder ob es einfach auch nicht so schlecht ist in so einem Gewühl krank zu sein. Wenigstens ist was los und man bekommt was mit. Eines ist jedenfalls sicher: Hier stirbt niemand allein.
Ansonsten ist das Krankenhaus in einem besseren Zustand als ich gedacht hätte. Es ist relativ sauber (auch wenn ich von Keimfreiheit nicht sprechen mag). Schwere Fälle werden nach Möglichkeit kostenlos behandelt. Das bedeutet: Wenn Medikamente da sind, gibt es welche. Wenn nicht, müssen die angehörigen irgendwoher ein paar Dollar zusammenkratzen um Antibiotika und Co zu kaufen.
Glücklicherweise blieb das Jaqueline und Raul bisher erspart. Für die beiden Eltern sind selbst die 10 Cordoba (ca. 0,50 $) für den Bus zum Krankenhaus und zurück zu viel. Raul hatte letzte Woche 5 Tage Arbeit als Bauarbeiter und bekam 50 Cordoba bezahlt (das ist selbst für hier ein Hungerlohn, aber er hat dafür dort essen können).
So fahr ich also jeden Tag ins Krankenhaus, rede mit den beiden, esse mit ihnen, begleite sie zur Intensivstation und versuche ihnen eben irgendwie zu helfen.
Um das ganze noch mal zu verdeutlichen: Die beiden sind dort 24 Stunden am Tag, schlafen auf Bänken oder auf dem Boden, haben nichts zum essen, keine Möglichkeit sich zu waschen oder umzuziehen. Zu allem Überfluss hat es letzte Woche auch wieder angefangen zu regnen. Also richtig zu regnen.
Väter sieht man vor der Intensivstation höchstens am Sonntag, sonst sind sie arbeiten und die vorgeschriebenen Besuchszeiten verhindern, dass sie ihre Kinder sehen können. Alle Eltern die dort momentan Kinder in Behandlung haben, sind jünger als 20 Jahre. Manchmal komme ich mir komisch vor, wenn sie mich fragen ob ich verheiratet bin und wie viele Kinder ich habe, und ihnen sage, dass nichts von beidem zutrifft (und wohl auch in nächster Zukunft noch nicht eintreffen wird). Dann fragen sie mich immer was das für ein komisches Land ist in dem ich wohne. Ich frags mich mittlerweile auch manchmal. Wenn man in einem Krankenhaus in Nicaragua über Deutschland erzählt, kommt einem wirklich vieles komisch vor.
Jedenfalls kenne ich jetzt so gut wie alle fälle die momentan in der Intensivstation behandelt werden.
Da ist zum beispiel Raquel, ihre Tochter Anielka hat Säure getrunken und sich dabei die Lungen verätzt, wenigstens geht es ein bisschen bergauf. Oder Glacey: Fredy ist 16 Monate alt, hat einen Herzfehler den sie nicht operieren können und zudem seit letzter Woche auch eine Lungenentzündung. Viel Hoffnung besteht nicht, sie hofft auf ein Wunder. Seit 6 Monaten. Brenda besucht abwechselnd mit ihren Schwestern ihre Tochter Estephanie, die von einem Bus angefahren wurde. Und so weiter und so weiter. Felipe ist seit knapp 2 Wochen so gut wie unverändert, wird weiterhin künstlich beatmet. Es geht mal ein bisschen bergauf, dann wieder bergab. Machen kann man als Elternteil nicht viel. Sein Kind eine Stunde am Tag besuchen, streicheln, trösten und wickeln. Der Rest ist den Ärzten und dem Schicksal überlassen. Genauso nehmen es die Nicas auch, es ist einfach gottgegeben was passiert, man kann nur hoffen, dass alles gut geht.
In diesem Sinne: Denkt drüber nach bevor ihr euch das nächste mal über unser Gesundheitssystem aufregt. Für mich hat sich vieles relativiert.

Euer Christoph

Mittwoch, 16. April 2008

Christoph der Baumeister/Fundamentalist

Nachdem mein letzter Beitrag ja doch sehr theoretisch und kopflastig war, gibts dieses mal was handfestes. Aber so richtig!
Bei ihrem Besuch im Januar hat meine erste Delegation nach ihrem Besuch in Los Trejos den Wunsch geäußert sich für die Gastfreundschaft dort irgendwie zu revanchieren. Also hab ich in meiner Communidad gefragt, was ihnen denn so auf dem Herzen liegt.
Nach kurzem Überlegen war klar: Ein Wassertank. Dazu muss man ein bisschen über die nicaraguanische Infrastruktur bescheid wissen: In Managua gibt es zwar fast überall fließendes Wasser aus dem Wasserhahn (das - in Managua - sogar ohne Probleme trinkbar ist - chlorseidank), allerdings nicht den ganzen Tag. Das Wasser wird rationiert, damit es für alle reicht. Der Wassermangel hängt natürlich einerseits mit den begrenzten Möglichkeiten zur Wasseraufbereitung zusammen (Wasser an sich gibt es in der zwischen Managua- und Nicaraguasee gelegenen Hauptstadt genug), zum anderen am Leitungsnetz.
Da sieht die Lage nämlich ziemlich düster aus: 40% von dem Wasser das beim Wasserwerk in die Leitung reingepumpt wird kommt nämlich nicht dort an wo es hin soll, sondern versickert durch Lecks im Maroden Leitungsnetz.
Nur mal ein Bild um sich das deutlich zu machen: Stell dir vor, du gehst in ein Wirtshaus, bestellst eine halbe Bier und bekommst eineinhalb Kölsch!
Hinzu kommt natürlich auch noch ein ganzer Haufen Wasseranschlüsse, die nicht legal sind (und deswegen keine Wasseruhr haben und daher auch als Verluste gerechnet werden). Um das Problem der Lecks in den Griff zu bekommen (für eine Lösung - ein neues Leitungsnetz - fehlt das Geld), schaltet man einfach das Wasser ab. Je nach momentaner Knappheit und Reichtum des Barrios (je reicher, desto mehr Wasser) zwischen 4 und 18 Stunden am Tag.
Los Trejos gehört zu den armen Barrios die nur 6 Stunden am Tag Wasser haben - zwischen Mitternacht und 6 Uhr früh. Da muss dann jemand aufstehen und Wasser in irgendwelche Behältnisse füllen, Flaschen, Schüsseln, Fässer, Eimer. Das steht dann so rum, Dreck und Staub fliegt rein, Mücken legen ihre Eier rein usw.
Solange man gesund (und es gewohnt ist) hält man das schon aus. Aber Sonia (die Hausherrin) ist Zuckerkrank und hat deswegen öfter mal wunde Stellen die nie richtig abheilen, weil sie einfach nicht richtig sauber werden, sich entzünden etc.
Also haben wir angefangen zu überlegen, wie wir das mit dem Tank machen könnten. Er muss irgendwo erhöht stehen, damit das Wasser auch von selber wieder raus fließt (eine Pumpe scheidet aus, weil die Situation beim Strom ähnlich aussieht).
Erst war der Plan, den 1100 Liter fassenden Tank auf das bestehende Badehäuschen zu stellen, allerdings wäre (weil das Häuschen keiin Fundament hat) eine aufwendige Stützkonstruktion notwendig gewesen. Nach einigem Hin- und Her haben wir diese Idee verworfen und einen guten neuen Einfall gehabt: Das Grundstück liegt an einem Hang und hinter dem Haus ist man schon 1,5m Höher. Dort werden wir jetzt aus massiven Steinblöcken (70 KG pro Stück) eine Bühne bauen auf der dann der Tank stehen wird.
Also haben wir mit dem Einkauf begonnen: 100 Steinblöcke, 6 Säcke Zement, ein Kubikmeter Schotter für den Beton und Sand für den Mörtel.

Gestern haben Remigio, Jakob und ich also mit dem Bau begonnen und das Fundament gelegt. Dazu muss man erst mal den Schotter von vor dem Haus nach hinter dem Haus bringen, dazu Wasser, Zement und Sand. Dann wird das ganze mit der Schaufel vermischt (ein Königreich für einen Betonmischer!), wieder in Eimer geschaufelt und in den Fundamentgraben geschüttet und glattgestrichen. Dieser Teil ist also schon mal fertig.
Nach dem Betonieren haben wir noch ein paar Steine zum Bauplatz geschleppt, nach 4 Stück war ich fertig, wir waren zu dritt, fehlen also nur noch 88 ;-) (Nebeninformation: Schattentemperatur um 10 Uhr vormittags: 38°C)
Morgen werden wir mit dem Mauern beginnen, mal sehen wie weit wir kommen.

In der Bildergalerie kann man sich von alle dem natürlich fotografische Beweise anschauen und sehen wie ich hier schwitz als Zivi.

Dienstag, 1. April 2008

Neues aus Nicaragua

So, der letzte Eintrag ist ja jetzt schon ne ganze weile her. Das ist wohl ein guter Indikator wie gut ich mich Nicaragua schon angepasst habe ;-)

Heute werd ich euch mal ein bisschen über meinen Englischkurs erzählen. Seit ungefähr zwei Monaten geb ich ja in Los Trejos (meiner Communidad in Managua) Englischunterricht. Angefangen hab ich mit einem Angebot offen für alle Altersgruppen (ich hab mir gedacht ich schau einfach bei welcher die Akzeptanz am größten ist ;-) Beim ersten mal war ich richtig überrascht, dass gleich 20 (in Worten: Zwanzig!) Leute da waren. Zwar nicht um 3 Uhr wie auf den Plakaten angekündigt, sondern um halb 4, aber das ist ja ganz normal. Ich hab also angefangen mit meinem Kurs und bin erst mal auf ein Riesenproblem gestoßen: Transfer oder das erkennen von Systemen funktioniert nicht. Punkt. Wenn ich meinen Schülern dort zehn Sätze mit der gleichen Satzkonstruktion (Lisa has a house, Bart has a dog, Homer has a wife....) Vorlese und sie dann frage wie die elfte Satzkonstruktion aussehen muss, schaun mich alle an. Dann kann man ihnen noch die einzelnen Wörter bröckchenweise zuwerfen und es geht trotzdem nicht. Es geht einfach nicht.

Dies Erkenntnis ist natürlich erst mal ernüchternd, aber sowas lernt man hier eben nicht. Bei uns hat jeder zwölfjährige dieses Schema intus und kann es anwenden, hier lernt man in der Schule vor allem eines: Kopieren. Das allerdings gründlich.
Wenn ich irgendwas an meine Tafel (leiht mir ein Nachbarsjunge) kritzel, wird das sofort abgekritzelt. Und wenns nur ein paar Strichmännchen sind um irgendwas zu erklären was eigentlich total nebensächlich ist. In dieser Zeit (während abgekritzelt wird), hört mir natürlich niemand mehr zu, also heißt es erst mal warten (oder besser nicht so viel an die Tafel kritzeln).

Also mit diesem Konzept kommt man hier nicht weit. Diese Einsicht ist natürlich erst mal schmerzhaft: Wie soll man jemanden eine Sprache beibringen, wenn er das System dahinter nicht versteht (in den Schulen hier umgeht man das Problem einfach damit, dass man den Schülern Phrasen an die Hand gibt, die diese dann auswendiglernen und so ein bisschen "Englisch" können). Die andere Alternative ist alles, wirklich alles bis in seine kleinsten systematischen Bestandteile zu zerlegen und an die Tafel zu schreiben. Wenn dort alles steht und alle das in ihre Hefte kopiert haben, klappt es manchmal sie aus diesen Brocken Sätze zu bauen. Sogar mit have/has Unterscheidung! Das ist nämlich das nächste Problem. Aus unserer Sicht ist das mit dem -s ja nicht so schwierig. Immer wenn es um die dritte Person Singular geht, muss der letzte Buchstabe eben ein -s sein. Hier steht man vor einem mittelgroßen Problem: 1. Wer oder was ist die dritte Person?
Beispiel: "Dritte Person ist: Er" "Remigio?" "Ja, zum Beispiel, aber auch jeder andere Er" "Und Mädchen?" "Ja, die auch, alle Sies." "Und du's nicht?" "Nein, du ist die zweite Person." "Also ist Christoph 2. Person?" "Nicht unbedingt, wenn du mit Remigio sprichst und sagst: 'Christoph kommt aus Deutschland', ist das auch die 3. Person" "Aber ich sag doch nicht Sie zu dir, sondern Du!" ".....")

Sowas muss man erst mal klarstellen ;-) Singular und Plural ist glücklicherweise einfach. Schwierig wirds wieder wenn man die 2. und die 3. Person Plural unterscheiden will. Da macht man in Mittelamerika nämlich keinen Unterschied, man sagt einfach "Sie", auch wenn man eigentlich "Ihr" meint. Das macht die Sache natürlich noch mal interessant, wenn man in seiner Muttersprache da keinen Unterschied kennt.

Ich mein, es ist auch schwierig und ziemlich abstrakt, entweder jemand gehört zu uns oder zu den anderen. Was soll man da noch unterscheiden??

Mit solchen Problemen hat man da eben zu kämpfen. Abgesehen davon lernt natürlich niemand seine Vokabeln. Dass man da nicht großartig weiterkommt, ist natürlich kein Wunder. Aber was solls, hauptsache sie haben was zu tun und ganz spurlos gehts ja doch nicht an ihnen vorrüber. Und das wichtigste: Es macht ihnen Spaß.

Gestern hat mich übrigens beim Kopieren in einem Internetcafé eine wildfremde Frau angesprochen ob ich nicht in einem Collegio unterricht geben will. Das muss ich mir mal anschaun. Wär schon nicht schlecht. Sie wollen mich sogar bezahlen ;-)

Im Übrigen habe ich erste Agrarerfolge zu verbuchen! Meine Karotten haben endlich diese Karottentypischen Wurzeln angesetzt (bisher sind einfach aus völlig unkarottigen Würzelchen karottenartige Blätter gewachsen, die zwar schön grün waren, aber nicht das Ziel) Außerdem hat nach 7 Monaten Ackerbau eine Tomatenpflanze 3 Blüten! In weiteren 7 Monaten kann irgendjemand dann vielleicht die ersten Tomaten ernten. Außerdem neues aus meiner Gewürzecke: Es wächst wunderbar: Zitronenmelisse, Basilikum, Petersilie, Maggiekraut, Knoblauch, Zitronengras und Culantro. Dem Schnittlauch gefällts hier aber irgendwie nicht so. Zwei Hälmchen kämpfen weiterhin für ihr Überleben.
Die großen Erfolge hab ich wohl einem glücklichen Zufall zu verdanken: Ich hab einen Laden gefunden wo Humus und Regenwürmer verkauft werden. Da hab ich gleich mal zugegriffen und meinen Garten biologisch aktiviert ;-)

Aus dem ganzen hat Jakob eine recht gute Projektidee geboren: Ich werde wohl in Los Trejos mit Armando, einem recht aufgeweckten Jungen dort einen kleinen Garten anlegen, damit er was hat worauf er aufpassen kann. Er hat schon ein Plätzchen ausgesucht und saubergemacht, übermorgen werd ich ihm die Erde vorbei brigen und ein paar Tomatenpflänzchen und Saatgut und dann werden wir erst mal gärtnern ;-)

Nach drei Monaten Vorbereitungszeit ist es mir in diesem Monat auch zum ersten mal gelungen die "Revista Lutherana" rauszubringen, eine art Kirchenzeitung, die allerdings nur aus zwei A4 Seiten besteht und einfach an die Wand gehängt wird. Der eine Teil ist ein Kalender auf dem die Aktivitäten im aktuellen Monat stehen. Der andere enthält berichte von wichtigen Ereignissen in den Communidades. Ich halte das ganze für eine ganz gute Idee, damit die Leute ein bisschen mitbekommen was in ihrer Kirche eigentlich läuft (oder nicht läuft). Bisher kriegt man nämlich nur was mit, wenn man immer zugegen ist, was die wenigsten sind.

So, jetzt seid ihr mal wieder ein bisschen im Bilde was ich so treibe. Lasst mal was von euch hören, richtet am besten auch alle so nen Blog ein, damit ich hier nicht hinterm Mond bleibe ;-)

Liebe Grüße,
euer Christoph

Montag, 25. Februar 2008

Anstrengendes Zivileben

Wie in meinem letzten Bericht nachzulesen hab ichs ja noch rechtzeitig zurück nach Managua geschafft. Nach ein paar freien Tagen fahre ich also wieder mal zum Flughafen um Rajka abzuholen. Wie wird die Begegnung sein? Alles so wie vorher? Erkennen wir uns überhaupt noch? Fragen die mir durch den Kopf gehen wie ich da so am Terminal steh und mir wie 200 andere die Nase an der Glasscheibe plattdrücke. Um 8 Uhr soll sie eigentlich ankommen, aber um 8 Uhr kommt niemand. Mittlerweile schon fast routiniert frage ich am Schalter (Anzeigen gibt es nicht) nach was mit dem Flug aus Miami los ist. Keiner weis was genaues, aber das ist ja nichts neues. "No te preocupes" (=Mach dir keine Sorgen) ist die Standardantwort. Also wart ich noch ein bisschen und um halb 10 kommt sie aus dem Gang. Es dauert ein bisschen bis wir uns sehen, noch ist ja die Glasscheibe zwischen uns. Dann braucht es noch ewig bis sie ihr Gepäck bekommt und den Sicherheitsbereich verlassen kann. Dann endlich, nach fast einem halben Jahr können wir uns wieder umarmen.

Wir fahren "heim" und ruhen uns erst mal aus. Am nächsten Tag zeige ich Rajka meine Arbeitsstelle. Dort gibt es mal wieder nicht wahnsinnig viel zu tun und wir fahren weiter nach Los Trejos um dort den Nachmittag zu verbringen. Ees ist schoon irgendwie eigenartig seine Freundin dabeizuhaben in einer Communidad die man jetzt ein halbes Jahr lang allein besucht hat und die sie nur aus Erzählungen kennt. Ich glaube es gefällt ihr ganz gut, sie spielt mit den Niños während ich mit Sonia plaudere.

Am nächsten Tag fahren wir spontan nach Granada und besuchen Rosita, meine Gastmutter bei der ich die ersten drei Wochen gewohnt habe und mit der ich immer noch in Kontakt steh. Es ist wirklich schön immer wieder mal vorbei schaun zu können und ein bisschen zu Plaudern. Wir übernachten dort in einer Hospedaje und frühstücken im europäischsten Café das ich seit einem halben Jahr gesehen habe. Das Frühstück besteht zur Abwechslung mal nicht aus Reis und Bohnen und es gibt sogar Eiskaffee. Was für ein Genuss.

Zurück in Managua überlegen wir uns was wir mit unserer verbleibenden Zeit anfangen sollen (viel ist es ja wirklich nicht) und beschließen für ein paar Tage auf Little Corn Island (eine von wenigen Karibikinseln die zu Nicaragua gehören) zu fliegen. Da die Touristensaison schon wieder vorbei ist, ist es kein Problem einen Flug zu bekommen und am nächsten Tag in der früh um 5 brechen wir wieder mal richtung Flughhafen auf. Diesmal aber zum kleinen, nationalen Terminal un besteigen nach dem Einchecken, das etwas ungewönlich abläuft (man selbst wird mitgewogen) die einmotorige Chessna die uns auf Big Corn Island bringen soll. Little Corn ist einfach zu klein um eine Landebahn drauf zu bauen. Dorthin kommt man nur mit dem "Panga" (=Motorboot).

Nach eineinhalb Stunden Flug landen wir auf Big Corn, laufen zu der Hütte die das Flughafenterminal ist und holen unsere Rucksäcke ab. Danach gehts mit dem Taxi in Richtung Anlegesteg (dazu muss man erst ein mal um die Landebahn rumfahren die quer durch die Insel geht) und dort begeben wir uns nach Entrichtung der Hafensteuer (2 Cordobas pro Person!) auf unser Panga. Die Überfahrt ist ziemlich rasant, die Wellen schlagen hoch und das durch zwei Motoren angetriebene Boot sprint immer wieder über die Kämme. Bis wir nach ca. 40 Minuten auf Little Corn sind, sind alle klatschnass. Auf unserer Zielinsel angekommen machen wir uns auf die Suche nach einer Hospedaje und durchqueren erst mal die Insel (nach 20 Minuten gemütlichem Spazieren sind wir auf der anderen Seite ;-) Am Strand angekommen haben wir leider den Pfad verloren (Straßen gibt es nicht auf Little Corn, nicht ein einziges Auto). Glücklicherweise wissen wir, dass am Nordende der Insel 3 Hospedajen sind die sich im Lonely Planet ganz gut angehört haben. Also folgen wir erst mal dem Strand richtung Norden und werden bald fündig.

Wir schauen uns die drei Hospedajen an und entscheiden uns schließlich für die Letzte, Ensueños. Nur 3 Hütten stehen hier zur Verfügung, eine davon ist frei und wir ziehen ein in ein Häuschen das zwischen drei Kokospalmen aus Strandgut aufgebaut ist. Überhaupt das ganze Gelände von "Ensueños" ist sehr harmonisch in die wunderbare Natur eingegliedert. Alles ist irgendwie schief und scheps, erinnert mich als Kunst-LKler an Gaudio und sieht furchtbar gemütlich aus. Die Computerspieler unter euch die Gothic kennen, wissen was ich meine.

Rajka und iich verbringen wirklich wunderschöne, stinkfaule Tage am Strand, streifen durch den Urwald und blicken von einem Aussichtsturm über die ganze Insel. Nur 500 Leute leben hier, alle auf der Westseite des Eilands, in einem Ort genannt "Ort" (Mehr macht ja auf so einer kleinen Insel auch nicht viel Sinn) Schon am zweiten Tag auf der Insel weiß ich nicht mehr welcher Tag heute ist. Zum ersten mal seit langem bin ich wieder richtig entspannt. Rajka geht es wohl auch so. Aus meiner eigenen Schulzeit erinnere ich mich zurück (Ja, daaaamals....) dass die Zeit um Weihnachten immer die Stressigste war. Dann noch der Rosenmontagsball und so, sie macht schon ziemlich viel. Die meiste Zeit des Tages sitzt sie da und liest, oder liegt faul in der Sonne oder schaut den Vögeln zu, während ich mich ums Mittagessen kümmer und Kokosnüsse von den Palmen ernte (was für ein Robinson!)

Zum Essen gibt es auf dieser Insel übrigens hauptsächlich das was eben drauf und drumherum wächst: Obst, Kokosnüsse und Meeresgetier. Dagegen hab ich nach einem halben Jahr fast ununterbrochenen Reis-mit-Bohnenessens wirklich nichts einzuwenden.

Doch so schön das auch alles ist, irgendwann geht jeder Traum zuende. Wir machen uns also auf den Rückweg. Zu Fuß über Little Corn, mit dem Panga nach Big Corn. Dort wird es noch mal spannend: Mangels Telefon haben wir keinen Flug reserviert und vertrauen auf unser Glück ("No te preocupes"). Erst sieht es ziemlich schlecht aus: Das Flugzeug ist schon ziemlich voll und alle verbleibenden Plätze sind reserviert. Aber am ende haben sich wohl doch ein paar Leute entschlossen noch länger zu bleiben und wir kommen wieder zurück nach Managua.

Kurze Zeit später steht auch schon wieder der Abschied an. Wieder werden wir uns für ein halbes Jahr nicht sehen. Wenigstens können wir sagen, dass wir die Hälfte schon hinter uns haben. Ein schwacher Trost in diesem Moment, aber es ist nun mal so...

Donnerstag, 31. Januar 2008

Wenn einer eine Reise tut

Salud Ustedes!


Nach langer langer Zeit meld ich mich mal wieder. Wenn jemand meine letzten Berichte noch im Kopf haben sollte wird er sich wundern über das was ich zu berichten habe: Ich war im Dezember so beschäftigt, dass ich gleich gar nicht mehr zum schreiben gekommen bin.
Wie ich beim letzten mal berichtet hab, bin ich ja ende November zum ersten mal in meiner Communidad gewesen. Dadurch hab ich auch endlich anfangen können zu arbeiten (die Gründe könnt ihr ja jetzt im Blog noch mal nachlesen ;-)
Jedenfalls gabs pünktlich zu Weihnachten ein Krippenspiel, auch wenn die Proberei ein bisschen anstrengend war (diejenigen unter euch die Mitglieder in meinem Unterstützerkreis sind bekommen das demnächst noch in Briefform genauer berichtet). Ich möchte jetzt auch nichts vorwegnehmen und überspring jetzt einfach mal dieses "Kapitel". Auch der Besuch meiner "Delegation" ist teil des Briefes und auch hier soll ja ein bisschen Überraschung bleiben.

In diesem Informationsbeitrag vom anderen Ende der Welt berichte ich über meine sonstigen Tätigkeiten im Januar, die aufgrund meines Urlaubs (Januar ist hier sowas wie bei uns der August - Sommerferienzeit) recht zahlreich ausfallen. Nach dem wir alle unsere kirchlichen Pflichten erfüllt hatten (es gab noch eine Freizeit), machten Jakob und ich uns daran unser Heim ein bisschen zu verschönern. Wir können uns zwar wirklich nicht beschweren, aber an manchen Ecken (auch größeren) konnte man doch mit ein paar Litern Farbe einiges schöner machen: Wir haben unseren Patio neu gestrichen. Er glänzt jetzt wieder in makellosem Weiß. Was vorher trist und traurirg war, ist jetzt heiter und heimelig. Diese neu gewonnene Schönheit hab ich gleich mal ausgiebig genossen und 3 oder 4 Tage nur mit lesen zugebracht. Einer Tätigkeit zu der ich schon ewig nicht mehr gekommen bin.

Nach einer Woche faulem rumsitzen ins unserem Haus wollte ich aber die freie Zeit doch noch etwas nutzen wann ist man schon mal in Nicaragua und kann eigentlich machen was man will? Eben!
Also hab ich den Beschluss gefasst ein paar schöne Tage in Puerto Cabezas zuzubringen. Das ist eine kleine Stadt an der karibischen Küste Nicaraguas, ungefähr 550 Kilometer von Managua. An sich also nicht ewig weit entfernt. Das relativiert sich aber sehr schnell wenn man bedenkt dass man hier nicht mit dem ICE fährt oder auf der Autobahn, sondern über die einzige Straße die es dorthin gibt - eine Sandpiste. Stellenweise ganz passabel passierbar, größtenteils aber von tiefen Schlaglöchern geziert. So braucht man für diese 550 Kilometer wenn man glück hat ~20 Stunden.

Eines schönes Montagmorgens breche ich also auf zum Majorero, dem Markt an dem die Busse richtung Puerto Cabezas losfahren. Ich schaue noch ein paar Minuten zu wie der Bus beladen wird, das Dach ist voller Sachen die nach Puerto geschafft werden sollen. Um 12 Uhr Mittags fahre ich also los. Das Anlassen des Busses wird von einem ohrenbetäubenden Pfeifen begleitet: Tuut - tuut - tuut - tuut. Alle halbe Sekunde piepst irgendwas furchtbar laut. Ich denke mir, dass es vielleicht eine Einrichtung ist um vor dem rückwärts fahrenden Bus zu warnen. Als der Fahrer aber den Vorwärtsgang einlegt und das gepfeife weitergeht, kann ich diese Möglichkeit ausschließen. Es piept einfach immer weiter - tuut - tuut - tuut. Wir fahren also los, erst durch Managua (tuut - tuut), dannn über geteerte Straßen über Muy Muy nach Rio Blanco. Immer noch tuut - tuut - tuut. Irgendwann frage ich den Fahrer ob es sich bei dem Tuten vielleicht um eine Einrichtung handelt die den Chauffeur am einschlafen hindern soll. Nein, meint er, es ist der Temperaturwarner der da so pfeift, aber das wäre schon seit 8000 Kilometern so und bisher ist noch nie was passiert.
Wie beruhigend! Wir verlassen also in Rio Blanco die geteerte Straße und damit auch die Zivilisation, jetzt ist um uns herum nur noch Wald. Wir fahren also durch die Nacht (tuut - tuut - tuut), wechseln 3 Reifen die irgendwann platzten bis sich irgendwas verändert: Der Bus steht, aber das ist es nicht, immer wieder muss mal wieder was "gerichtet" (gefrickelt wäre wohl der bessere Ausdruck) werden, aber das ist es nicht. Erst nach ein paar Minuten fällt mir auf: Das gepiepse ist weg! Wahnsinn! Dieser Ton hat wohl schon ein Loch in mein Trommelfell gepfiffen und ich habs gar nicht mehr gehört.

Ich steige also aus um nachzusehen warum der Bus steht und der Motor aus ist. Leider haben der Fahrer und der Mechaniker keine Taschenlampe dabei um nachzusehen was los ist. Ich leihe ihnen also meine uns sehe: Der Lüfter hat sich gelockert und ein 30 cm durchmessendes Loch in den Kühler gefräst. Na wunderbar. Das wars wohl mit diesem Bus. Der Fahrer meint zwar das hinzubekommen, allerdings sagt er nicht in welcher Zeit. Ich beschließe also meine Reise auf andere Weise fortzusetzen. Allerdings ist es schon 12 Uhr nachts und die Chancen dass jemand vorbeifährt und mich mitnimmt sind denkbar klein. Ich lege mich also ein bisschen hin und versuche zu schlafen so gut das eben geht in einem Urwald voller Moskitos und im sitzen.

Um 4 Uhr früh als es beginnt zu dämmern steh ich wieder auf, pack meine Sachen zusammen und versuche vergeblich mein Geld zurückzubekommen (ich hab noch nich mal die Hälfte hinter mir). Ich habe Glück. Kurz nachdem ich mich mit erhobenem Daumen auf die Piste gestellt hab, kommt der zweite Bus aus Managua, der abends um 6 Uhr losgefahren ist. Ich steige also in den überfüllten Bus, habe keinen Sitzplatz und fahr weitere 5 Stunden im stehen und völlig übernächtigt durch den Dschungel.


Eine Stunde nach Rosita, einer alten Goldgräberstadt die wie eine Bastion der Zivilisation im Dschungel steht, platzt auch dem zweiten Bus ein Reifen. Irgendwie regt mich das in diesem Moment furchtbar auf (vielleicht weil ich seit 26 Stunden nicht geschlafen hab und in einem schrecklich wackelnden und rumpelnden Bus stehe??) und steig einfach aus. Keine zwei Minuten später finde ich mich hinten auf einem Pickup wieder der Milch transportiert. Saure Milch. Dieses Transportmittel war allerdings nicht unbedingt die beste Wahl: alle 200 Meter hält es wieder an um 2 Liter Milch zu kaufen und in eines der Fässer zu schütten. Aber immerhin, ich komme vorwärts. Ich fühle mich eigentlich ganz gut, bis der Fahrer ein Schlagloch übersieht und sich der Inhalt eines Milchfasses stinkend über mich ergießt. Einfach Wunderbar was das Leben einem manchmal für Überraschungen bietet.

Ich fahre noch ein bisschen mit, beschließe dann aber mein Glück auf der Ladefläche eines anderen Gefährts zu suchen und fahre keine 2 Minuten später auf der Ladefläche eines Pickups der nationalen Telefongesellschaft. Man gibt mir Käse, der Opa der hinten auf der Ladefläche sitzt erzählt mir eine Geschichte zu jedem Dorf an dem wir vorbeifahren, kurz: Ich habe einen wunderbaren Ride. Und komme um halb 12 hundemüde aber Glücklich in Puerto an.

Dort wohne ich eine Woche bei zwei Freiwilligen die zeitgleich mit uns hier angefangen haben. Meine Beschäftigung lässt sich recht leicht zusammenfassen: Ich lese den ganzen Tag, meist ein ganzes Buch. Vormittags im Schaukelstuhl vor dem Haus, nachmittags geh ich an den Strand, springe ins Wasser, plansche dort ein bisschen und lese weiter. Was für ein Leben!

Mit Swantje und Moritz hab ich auch insofern Glück, dass die beiden hier arbeiten und über viele soziale Kontakte verfügen, was durch die dörfliche Struktur Puertos im Gegensatz zu Managua natürlich einfacher ist. So werden die beiden also immer wieder besucht und sie schauen immer wieder bei ihren Nachbarn vorbei.

Eines Abends steht Edison, ein etwas verplanter Nica in der Tür: Er hat Caracol mitgebracht. Ich habe natürlich erst mal keine Ahnung was das ist. Aber er erklärt mir, dass das der Muskel (genau genommen ist es ja der Schließmuskel ;-) einer Muschelart ist, die etwa so groß wird wie ein Schulrucksack. „Wunderbar“, sage ich, „und was macht man damit?“ Er: „Kochen!“ Ich: „Und wie?“ Er: „Ich weiß auch nicht, das macht immer meine Mutter!?!?“ Also erfinde ich mal schnell ein Rezept für Caracol, was sich aber dank dem eingeschränkten Zutatenangebot in Puerto einfacher gestaltet als zunächst gedacht: Es gibt einfach Tomaten und Reis dazu. Als ich so ein angebratenes Stück Schließmuskel probiere, muss ich fast würgen. Es schmeckt ziemlich nussig, bitter. Und unheimlich fischig. Ich zweifle stark an der Essbarkeit dieses Gerichts, aber mit den Tomaten zusammen und ein bisschen Zucker und Salz wird das ganze immer erträglicher. Ich will nicht sagen, dass es meine neue Leibspeise ist, aber man hat es am Ende essen können.

Nach einer Woche Puerto war es für mich wieder so weit die Heimreise anzutreten. Eine schwierige Entscheidung, wenn man bedenkt was das für Entbehrungen bedeutet!

Am Dienstag früh um 10 besteige ich also den Bus der mich wieder zurück nach Managua bringen soll.

Nach etwa 80 Kilometern hält der Bus der bis dahin wirklich einen sehr guten Eindruck gemacht hat an. Vor dem Bus steht eine Schlange aus 5 anderen Fahrzeugen. Ein Stau? Hier, mitten im Niemandsland? Ich steige aus und gehe nach vorne. Dort ist eine kleine Brücke über ein vielleicht 4 Meter breites Flüsschen. Davor wurden ein paar Baumstämme und Reifen aufgestapelt: eine Straßensperre!

An just diesem Dienstag haben die Bewohner der Region Tasba Pri beschlossen die einzige Straße von Puerto nach Managua zu sperren, weil sie der Meinung sind bei der Verteilung der Hilfsgüter nach dem Hurrikan ungerecht behandelt worden zu sein. Allerdings stehen wir nicht an der „Hauptsperre“ in Sahsa, die ich ja umgehen und auf der anderen Seite einen anderen Bus suchen hätte können. Aber bis Sahsa fehlen von dieser Brücke noch 15 Kilometer. Mit dem Rucksack also kein Katzensprung. Da Blockieren also 100 Dorfbewohner die Lebensader Puerto Cabezas und verhindern mein Weiterkommen. Ein paar Reisende debattieren mit dem „Häuptling“, aber der besteht darauf, dass Daniel Ortega persönlich hier erscheint und sich seine Probleme anhört. Der weitaus größte Teil der Mitfahrer verhält sich aber nach guter alter Nica-Tradition: Hinsetzten und schaun was passiert.

Nach gut 3 Stunden kommt ein einzelner Polizist vorbei und erklärt die Straßensperre für beendet, weil die richtige ja in Sahsa ist. Das leuchtet den Dorfbewohnern wohl irgendwie ein und sie räumen das Feld. Es geht also 15 Kilometer weiter bis nach Sahsa wo zu diesem Zeitpunkt schon 25 Busse und Lkws und ein paar Pickups stehen. Es ist noch Hell, also beschließe ich die Sperre zu umgehen und auf der anderen Seite nach einer Reisemöglichkeit zu suchen. Dieser Plan wird leider durch einen einsetzenden Regenschauer vereitelt. Ich bleibe also die Nacht über in Sahsa, wärme mich an brennenden Reifenstapeln und lese wieder ein bisschen. Allerdings kann ich das ganze nicht wirklich genießen, weil nur noch 4 Tage bleiben bis Rajka kommt, die ich ja irgendwie vom Flughafen abholen muss (hatte ich vergessen zu erwähnen, dass es im Urwald keinen Handyempfang gibt??).

Ich schlafe leidlich gut, weil ich mich hinten im „Laderaum“ des Busses auf ein paar Koffern und Säcken Reis ausstrecken kann. Als es beginnt zu dämmern, packe ich wieder mal meine Sachen zusammen um aufzubrechen, werde aber von einem Mitfahrer aufgehalten, der mir erklärt, dass die Blockierer verkündet hätten die Busse durchzulassen. Ich setze mich also wieder und warte auf die Öffnung der Barriere; allerdings vergeblich. Die Stunden verstreichen, immer wieder nehme ich meinen Rucksack in die Hand aufzubrechen, aber immer wieder heißt es: Gleich, nur noch eine Stunde.

Die Situation wird zunehmend angespannter: Mittlerweile sind 1500 Leute in Sahsa festgesetzt. Es gibt keine Sanitären Anlagen, kein sauberes Wasser, kaum noch Essen. Eine Handvoll Militärs und Polizisten bewachen 4 Lkws die Lebensmittel transportieren. Aber gegen 1500 hungrige Festgehaltene und 700 Dorfbewohner dürften sie wohl relativ machtlos sein. Immer wieder fliegen Steine.

Um 9 Uhr früh breche ich zusammen mit einem Canadier auf, umgehe die Barrikade großräumig und treffe glücklicherweise 5 Kilometer hinter Sahsa auf einen Bus der gerade dorthin auf den Weg ist. Ich warne den Busfahrer nicht zu nahe an die Sperre zu fahren, weil sie ihn sonst festsetzten würden wie alle Busse vorher. Glücklicherweise hört er auf meinen Rat und kehrt einen Kilometer vorher um.

So komme ich also wieder zurück bis Rosita. Von dort aus fahre ich mit dem wohl komfortabelsten Ride (innen in der Kabine mit DVD-Player!) den ich bisher hatte bis Matagalpa. Als ich um halb 11 nachts dort ankomme suche ich mir nur noch eine Herberge und leg mich hin.

Am nächsten Tag kauf ich mir eine Zeitung und lese, dass die Situation immer noch unverändert ist. Nur sitzen mittlerweile 2500 Personen fest. Es ist immer noch kein Militär und keine Polizei eingetroffen um die Sperre aufzulösen, alle Verhandlungen mit den regionalen, zuständigen Regierungsvertretern wurden abgelehnt: Man verhandle bloß mit Daniel Ortega persönlich. Dass er auf diese Vorderung eingehen wird ist höchst unwahrscheinlich, sonst kommt als nächstes ja jedes Dorf an dieser 550 km langen Trasse dem etwas nicht passt auf die Idee ihre Forderungen so durchzusetzen. (Um die Verhältnismäßigkeiten mal zu klären: Das ist etwa so, als würde Lampertshofen die A6 komplett sperren und verlangen dass Angela Merkel kommt um mit ihnen zu verhandeln)

Nach zwei abenteuerlichen Tagen bin ich also wieder in Managua angekommen und schreibe euch jetzt diese Zeilen. Die Situation ist nach wie vor unverändert, mittlerweile sitzen laut Zeitungsangaben 4000 Personen in Sahsa fest, die Blockierer haben angekündigt morgen die Lkws zu plündern. Allmählich wird’s brenzlig.

So, jetzt hab ich und ihr auch mal die Bananenrepublikseite Nicaraguas festgestellt. Aber ein gutes hat das alles doch (im nachhinein betrachtet, wohlgemerkt): Es wird einem klar was für ein Rechtsstaat für eine Errungenschaft ist.

Heute Abend werd ich noch auf eine Faschingsfeier gehen (als Touri verkleidet ;-) und dann heißts wieder arbeiten.

Ich wünsche euch eine Schöne Zeit bis zum nächsten Newsletter. Lasst was von euch Hören!

Euer Christoph