Donnerstag, 31. Januar 2008

Wenn einer eine Reise tut

Salud Ustedes!


Nach langer langer Zeit meld ich mich mal wieder. Wenn jemand meine letzten Berichte noch im Kopf haben sollte wird er sich wundern über das was ich zu berichten habe: Ich war im Dezember so beschäftigt, dass ich gleich gar nicht mehr zum schreiben gekommen bin.
Wie ich beim letzten mal berichtet hab, bin ich ja ende November zum ersten mal in meiner Communidad gewesen. Dadurch hab ich auch endlich anfangen können zu arbeiten (die Gründe könnt ihr ja jetzt im Blog noch mal nachlesen ;-)
Jedenfalls gabs pünktlich zu Weihnachten ein Krippenspiel, auch wenn die Proberei ein bisschen anstrengend war (diejenigen unter euch die Mitglieder in meinem Unterstützerkreis sind bekommen das demnächst noch in Briefform genauer berichtet). Ich möchte jetzt auch nichts vorwegnehmen und überspring jetzt einfach mal dieses "Kapitel". Auch der Besuch meiner "Delegation" ist teil des Briefes und auch hier soll ja ein bisschen Überraschung bleiben.

In diesem Informationsbeitrag vom anderen Ende der Welt berichte ich über meine sonstigen Tätigkeiten im Januar, die aufgrund meines Urlaubs (Januar ist hier sowas wie bei uns der August - Sommerferienzeit) recht zahlreich ausfallen. Nach dem wir alle unsere kirchlichen Pflichten erfüllt hatten (es gab noch eine Freizeit), machten Jakob und ich uns daran unser Heim ein bisschen zu verschönern. Wir können uns zwar wirklich nicht beschweren, aber an manchen Ecken (auch größeren) konnte man doch mit ein paar Litern Farbe einiges schöner machen: Wir haben unseren Patio neu gestrichen. Er glänzt jetzt wieder in makellosem Weiß. Was vorher trist und traurirg war, ist jetzt heiter und heimelig. Diese neu gewonnene Schönheit hab ich gleich mal ausgiebig genossen und 3 oder 4 Tage nur mit lesen zugebracht. Einer Tätigkeit zu der ich schon ewig nicht mehr gekommen bin.

Nach einer Woche faulem rumsitzen ins unserem Haus wollte ich aber die freie Zeit doch noch etwas nutzen wann ist man schon mal in Nicaragua und kann eigentlich machen was man will? Eben!
Also hab ich den Beschluss gefasst ein paar schöne Tage in Puerto Cabezas zuzubringen. Das ist eine kleine Stadt an der karibischen Küste Nicaraguas, ungefähr 550 Kilometer von Managua. An sich also nicht ewig weit entfernt. Das relativiert sich aber sehr schnell wenn man bedenkt dass man hier nicht mit dem ICE fährt oder auf der Autobahn, sondern über die einzige Straße die es dorthin gibt - eine Sandpiste. Stellenweise ganz passabel passierbar, größtenteils aber von tiefen Schlaglöchern geziert. So braucht man für diese 550 Kilometer wenn man glück hat ~20 Stunden.

Eines schönes Montagmorgens breche ich also auf zum Majorero, dem Markt an dem die Busse richtung Puerto Cabezas losfahren. Ich schaue noch ein paar Minuten zu wie der Bus beladen wird, das Dach ist voller Sachen die nach Puerto geschafft werden sollen. Um 12 Uhr Mittags fahre ich also los. Das Anlassen des Busses wird von einem ohrenbetäubenden Pfeifen begleitet: Tuut - tuut - tuut - tuut. Alle halbe Sekunde piepst irgendwas furchtbar laut. Ich denke mir, dass es vielleicht eine Einrichtung ist um vor dem rückwärts fahrenden Bus zu warnen. Als der Fahrer aber den Vorwärtsgang einlegt und das gepfeife weitergeht, kann ich diese Möglichkeit ausschließen. Es piept einfach immer weiter - tuut - tuut - tuut. Wir fahren also los, erst durch Managua (tuut - tuut), dannn über geteerte Straßen über Muy Muy nach Rio Blanco. Immer noch tuut - tuut - tuut. Irgendwann frage ich den Fahrer ob es sich bei dem Tuten vielleicht um eine Einrichtung handelt die den Chauffeur am einschlafen hindern soll. Nein, meint er, es ist der Temperaturwarner der da so pfeift, aber das wäre schon seit 8000 Kilometern so und bisher ist noch nie was passiert.
Wie beruhigend! Wir verlassen also in Rio Blanco die geteerte Straße und damit auch die Zivilisation, jetzt ist um uns herum nur noch Wald. Wir fahren also durch die Nacht (tuut - tuut - tuut), wechseln 3 Reifen die irgendwann platzten bis sich irgendwas verändert: Der Bus steht, aber das ist es nicht, immer wieder muss mal wieder was "gerichtet" (gefrickelt wäre wohl der bessere Ausdruck) werden, aber das ist es nicht. Erst nach ein paar Minuten fällt mir auf: Das gepiepse ist weg! Wahnsinn! Dieser Ton hat wohl schon ein Loch in mein Trommelfell gepfiffen und ich habs gar nicht mehr gehört.

Ich steige also aus um nachzusehen warum der Bus steht und der Motor aus ist. Leider haben der Fahrer und der Mechaniker keine Taschenlampe dabei um nachzusehen was los ist. Ich leihe ihnen also meine uns sehe: Der Lüfter hat sich gelockert und ein 30 cm durchmessendes Loch in den Kühler gefräst. Na wunderbar. Das wars wohl mit diesem Bus. Der Fahrer meint zwar das hinzubekommen, allerdings sagt er nicht in welcher Zeit. Ich beschließe also meine Reise auf andere Weise fortzusetzen. Allerdings ist es schon 12 Uhr nachts und die Chancen dass jemand vorbeifährt und mich mitnimmt sind denkbar klein. Ich lege mich also ein bisschen hin und versuche zu schlafen so gut das eben geht in einem Urwald voller Moskitos und im sitzen.

Um 4 Uhr früh als es beginnt zu dämmern steh ich wieder auf, pack meine Sachen zusammen und versuche vergeblich mein Geld zurückzubekommen (ich hab noch nich mal die Hälfte hinter mir). Ich habe Glück. Kurz nachdem ich mich mit erhobenem Daumen auf die Piste gestellt hab, kommt der zweite Bus aus Managua, der abends um 6 Uhr losgefahren ist. Ich steige also in den überfüllten Bus, habe keinen Sitzplatz und fahr weitere 5 Stunden im stehen und völlig übernächtigt durch den Dschungel.


Eine Stunde nach Rosita, einer alten Goldgräberstadt die wie eine Bastion der Zivilisation im Dschungel steht, platzt auch dem zweiten Bus ein Reifen. Irgendwie regt mich das in diesem Moment furchtbar auf (vielleicht weil ich seit 26 Stunden nicht geschlafen hab und in einem schrecklich wackelnden und rumpelnden Bus stehe??) und steig einfach aus. Keine zwei Minuten später finde ich mich hinten auf einem Pickup wieder der Milch transportiert. Saure Milch. Dieses Transportmittel war allerdings nicht unbedingt die beste Wahl: alle 200 Meter hält es wieder an um 2 Liter Milch zu kaufen und in eines der Fässer zu schütten. Aber immerhin, ich komme vorwärts. Ich fühle mich eigentlich ganz gut, bis der Fahrer ein Schlagloch übersieht und sich der Inhalt eines Milchfasses stinkend über mich ergießt. Einfach Wunderbar was das Leben einem manchmal für Überraschungen bietet.

Ich fahre noch ein bisschen mit, beschließe dann aber mein Glück auf der Ladefläche eines anderen Gefährts zu suchen und fahre keine 2 Minuten später auf der Ladefläche eines Pickups der nationalen Telefongesellschaft. Man gibt mir Käse, der Opa der hinten auf der Ladefläche sitzt erzählt mir eine Geschichte zu jedem Dorf an dem wir vorbeifahren, kurz: Ich habe einen wunderbaren Ride. Und komme um halb 12 hundemüde aber Glücklich in Puerto an.

Dort wohne ich eine Woche bei zwei Freiwilligen die zeitgleich mit uns hier angefangen haben. Meine Beschäftigung lässt sich recht leicht zusammenfassen: Ich lese den ganzen Tag, meist ein ganzes Buch. Vormittags im Schaukelstuhl vor dem Haus, nachmittags geh ich an den Strand, springe ins Wasser, plansche dort ein bisschen und lese weiter. Was für ein Leben!

Mit Swantje und Moritz hab ich auch insofern Glück, dass die beiden hier arbeiten und über viele soziale Kontakte verfügen, was durch die dörfliche Struktur Puertos im Gegensatz zu Managua natürlich einfacher ist. So werden die beiden also immer wieder besucht und sie schauen immer wieder bei ihren Nachbarn vorbei.

Eines Abends steht Edison, ein etwas verplanter Nica in der Tür: Er hat Caracol mitgebracht. Ich habe natürlich erst mal keine Ahnung was das ist. Aber er erklärt mir, dass das der Muskel (genau genommen ist es ja der Schließmuskel ;-) einer Muschelart ist, die etwa so groß wird wie ein Schulrucksack. „Wunderbar“, sage ich, „und was macht man damit?“ Er: „Kochen!“ Ich: „Und wie?“ Er: „Ich weiß auch nicht, das macht immer meine Mutter!?!?“ Also erfinde ich mal schnell ein Rezept für Caracol, was sich aber dank dem eingeschränkten Zutatenangebot in Puerto einfacher gestaltet als zunächst gedacht: Es gibt einfach Tomaten und Reis dazu. Als ich so ein angebratenes Stück Schließmuskel probiere, muss ich fast würgen. Es schmeckt ziemlich nussig, bitter. Und unheimlich fischig. Ich zweifle stark an der Essbarkeit dieses Gerichts, aber mit den Tomaten zusammen und ein bisschen Zucker und Salz wird das ganze immer erträglicher. Ich will nicht sagen, dass es meine neue Leibspeise ist, aber man hat es am Ende essen können.

Nach einer Woche Puerto war es für mich wieder so weit die Heimreise anzutreten. Eine schwierige Entscheidung, wenn man bedenkt was das für Entbehrungen bedeutet!

Am Dienstag früh um 10 besteige ich also den Bus der mich wieder zurück nach Managua bringen soll.

Nach etwa 80 Kilometern hält der Bus der bis dahin wirklich einen sehr guten Eindruck gemacht hat an. Vor dem Bus steht eine Schlange aus 5 anderen Fahrzeugen. Ein Stau? Hier, mitten im Niemandsland? Ich steige aus und gehe nach vorne. Dort ist eine kleine Brücke über ein vielleicht 4 Meter breites Flüsschen. Davor wurden ein paar Baumstämme und Reifen aufgestapelt: eine Straßensperre!

An just diesem Dienstag haben die Bewohner der Region Tasba Pri beschlossen die einzige Straße von Puerto nach Managua zu sperren, weil sie der Meinung sind bei der Verteilung der Hilfsgüter nach dem Hurrikan ungerecht behandelt worden zu sein. Allerdings stehen wir nicht an der „Hauptsperre“ in Sahsa, die ich ja umgehen und auf der anderen Seite einen anderen Bus suchen hätte können. Aber bis Sahsa fehlen von dieser Brücke noch 15 Kilometer. Mit dem Rucksack also kein Katzensprung. Da Blockieren also 100 Dorfbewohner die Lebensader Puerto Cabezas und verhindern mein Weiterkommen. Ein paar Reisende debattieren mit dem „Häuptling“, aber der besteht darauf, dass Daniel Ortega persönlich hier erscheint und sich seine Probleme anhört. Der weitaus größte Teil der Mitfahrer verhält sich aber nach guter alter Nica-Tradition: Hinsetzten und schaun was passiert.

Nach gut 3 Stunden kommt ein einzelner Polizist vorbei und erklärt die Straßensperre für beendet, weil die richtige ja in Sahsa ist. Das leuchtet den Dorfbewohnern wohl irgendwie ein und sie räumen das Feld. Es geht also 15 Kilometer weiter bis nach Sahsa wo zu diesem Zeitpunkt schon 25 Busse und Lkws und ein paar Pickups stehen. Es ist noch Hell, also beschließe ich die Sperre zu umgehen und auf der anderen Seite nach einer Reisemöglichkeit zu suchen. Dieser Plan wird leider durch einen einsetzenden Regenschauer vereitelt. Ich bleibe also die Nacht über in Sahsa, wärme mich an brennenden Reifenstapeln und lese wieder ein bisschen. Allerdings kann ich das ganze nicht wirklich genießen, weil nur noch 4 Tage bleiben bis Rajka kommt, die ich ja irgendwie vom Flughafen abholen muss (hatte ich vergessen zu erwähnen, dass es im Urwald keinen Handyempfang gibt??).

Ich schlafe leidlich gut, weil ich mich hinten im „Laderaum“ des Busses auf ein paar Koffern und Säcken Reis ausstrecken kann. Als es beginnt zu dämmern, packe ich wieder mal meine Sachen zusammen um aufzubrechen, werde aber von einem Mitfahrer aufgehalten, der mir erklärt, dass die Blockierer verkündet hätten die Busse durchzulassen. Ich setze mich also wieder und warte auf die Öffnung der Barriere; allerdings vergeblich. Die Stunden verstreichen, immer wieder nehme ich meinen Rucksack in die Hand aufzubrechen, aber immer wieder heißt es: Gleich, nur noch eine Stunde.

Die Situation wird zunehmend angespannter: Mittlerweile sind 1500 Leute in Sahsa festgesetzt. Es gibt keine Sanitären Anlagen, kein sauberes Wasser, kaum noch Essen. Eine Handvoll Militärs und Polizisten bewachen 4 Lkws die Lebensmittel transportieren. Aber gegen 1500 hungrige Festgehaltene und 700 Dorfbewohner dürften sie wohl relativ machtlos sein. Immer wieder fliegen Steine.

Um 9 Uhr früh breche ich zusammen mit einem Canadier auf, umgehe die Barrikade großräumig und treffe glücklicherweise 5 Kilometer hinter Sahsa auf einen Bus der gerade dorthin auf den Weg ist. Ich warne den Busfahrer nicht zu nahe an die Sperre zu fahren, weil sie ihn sonst festsetzten würden wie alle Busse vorher. Glücklicherweise hört er auf meinen Rat und kehrt einen Kilometer vorher um.

So komme ich also wieder zurück bis Rosita. Von dort aus fahre ich mit dem wohl komfortabelsten Ride (innen in der Kabine mit DVD-Player!) den ich bisher hatte bis Matagalpa. Als ich um halb 11 nachts dort ankomme suche ich mir nur noch eine Herberge und leg mich hin.

Am nächsten Tag kauf ich mir eine Zeitung und lese, dass die Situation immer noch unverändert ist. Nur sitzen mittlerweile 2500 Personen fest. Es ist immer noch kein Militär und keine Polizei eingetroffen um die Sperre aufzulösen, alle Verhandlungen mit den regionalen, zuständigen Regierungsvertretern wurden abgelehnt: Man verhandle bloß mit Daniel Ortega persönlich. Dass er auf diese Vorderung eingehen wird ist höchst unwahrscheinlich, sonst kommt als nächstes ja jedes Dorf an dieser 550 km langen Trasse dem etwas nicht passt auf die Idee ihre Forderungen so durchzusetzen. (Um die Verhältnismäßigkeiten mal zu klären: Das ist etwa so, als würde Lampertshofen die A6 komplett sperren und verlangen dass Angela Merkel kommt um mit ihnen zu verhandeln)

Nach zwei abenteuerlichen Tagen bin ich also wieder in Managua angekommen und schreibe euch jetzt diese Zeilen. Die Situation ist nach wie vor unverändert, mittlerweile sitzen laut Zeitungsangaben 4000 Personen in Sahsa fest, die Blockierer haben angekündigt morgen die Lkws zu plündern. Allmählich wird’s brenzlig.

So, jetzt hab ich und ihr auch mal die Bananenrepublikseite Nicaraguas festgestellt. Aber ein gutes hat das alles doch (im nachhinein betrachtet, wohlgemerkt): Es wird einem klar was für ein Rechtsstaat für eine Errungenschaft ist.

Heute Abend werd ich noch auf eine Faschingsfeier gehen (als Touri verkleidet ;-) und dann heißts wieder arbeiten.

Ich wünsche euch eine Schöne Zeit bis zum nächsten Newsletter. Lasst was von euch Hören!

Euer Christoph

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Na Christoph, da bin ich ja direkt froh, dass ich mit meinem Bruce durch Neumarkt rocken kann und mich an allerlei Hindernissen vorbei zwängen kann.
Aber dafür ist es hier nicht wirklich spannend im Gegensatz zu Nicaragua.
Ich hoffe du und Rajka habt ein paar schöne Tage wenn du es geschafft haben solltest trotz aller Unannehmlichkeiten zum Flughafen oder sogar zum richtigen Terminal zu kommen.
Ich freu mich schon auf den nächsten Blog; das ist so wunderschön unterhaltsam.
(PS: Dachte nie, dass ich jemals einen Blog lesen würde!!! ;o)
Bis dann,
Liebste Grüße aus Bayern,
Rebecca