Salud Ustedes!
So, es ist mal wieder Zeit für einen Newsletter. Ich hab ja schon länger nichts mehr von mir hören lassen. Das liegt zum Teil daran, dass letzte Woche die "Gran Obra de Teatro" war, einhergehend mit "Concasida", einem großen Aids-Kongress, bei dem sich mehr oder weniger alle lateinamerikanischen Organsimen die mit der Thematik arbeiten treffen. Klingt doch eigentlich ganz gut oder? Ist es aber nicht wirklich.
Die "Gran Obra de Teatro" (Angekündigt auf A2 großen, 4farbig bedruckten Plakaten, bei uns unvorstellbar. Das Geld spart man lieber und schickt es nach Nicaragua), das Theaterstück für das ich die Requisiten gebastelt hab (nach ewigem Gebettel um ein Gefährt um die Materialien zu transportieren) ist genauso gelaufen wie in dieser Kirche alles läuft: überstürzt, ohne Plan chaotisch und hat am Ende doch noch irgendwie hingehaut. Es lief ungefähr so: Wir waren grade beim Proben (das Stück
wurde vor der Aufführung nicht ein mal im Durchlauf gespielt, immer nur Szenenweise, nie mit Kostümen (obwohl die fertig waren, hab ja auch ich gemacht); da kommt von irgendwoher die Order, dass wir jetzt auf den Kongress fahren müssen (innerhalb Managuas, ca 15 Minuten). Und wenn ihr eine Order kommt, dann wird das gemacht. Also Packen wir unseren ganzen Scheiß (ist jetzt nicht Pejorativ, ein aus Holzlatten, Karton und meinen alten Vorhängen plastisch modellierter Haufen Scheiße spielt eine
wichtige Rolle in den Bus und fahren dorthin. Angekommen können wir nicht zur Bühne, noch nicht einmal in die Nähe, weil wir erst um 4 Uhr dran sind. Ich frage mich, was wir dann um halb 12 hier machen, wenn wir doch hätten Proben können. Gut. Wir laden unser Zeug in einem Garten einen Kilometer entfernt aus, jeder versorgt sich mit Essen, jeder ist irgendwo und mit Proben ist nix mehr. Ich fahre mit Miguel (dem "Regisseur") noch mal auf den Markt, weil wir noch ein paar Sachen brauchen ("Ach, wir brauchen ja einen Vorhang"), zwei Stunden vor der Aufführung. Irgendwann ist es dann 4 Uhr, wir beginnen mit dem Schminken, um halb 5 kommt der Veranstalter und sagt uns, dass wir nicht mehr auftreten brauchen, wenn wir nicht sofort anfangen. Das Theaterstück hat eigentlich ganz gut geklappt, man hat nicht viel verstanden, aber keiner hat seinen Text vergessen, die Dialoge haben geklappt usw. Zweifelhaft ist nur der Sinn der Botschaft. Etwa: Wir dürfen vor Aidsinfizierten keine Angst haben und sie nicht ausgrenzen, genauso wie Homosexuelle, weil Gott uns alle liebt. Das ist
leider das Bild, das die Kirche von sich verkaufen will. Hinter den Kulissen sieht es anders aus, über Homosexualität wird nicht geredet, "weil wir dieses Problem in der Kirche ja schließlich nicht haben", die Arbeit mit Aids besteht hauptsächlich aus dem Besuchen von Seminaren die ein Heidengeld kosten (man braucht hier immer T-Shirts, Taschen, Kugelschreiber und Ausweiskarten mit dem farbigen Logo). Prävention wird so gut wie nicht betrieben und wenn dann viel zu spät. In den Städten findet der erste Geschlechtsverkehr meistens mit 14-15 statt, in den Kommunidades sind Schwangere mit 13 Jahren keine Seltenheit. Da hilft es wenig 18 jährigen zu zeigen wie man ein Kondom benutzt.
Das ist die eine Sache, die mich ziemlich auf die Palme bringt, die andere ist meine "normale" "Arbeit". Da tut sich immer noch wenig. Ich sitze meine Zeit tot, worauf ich eigentlich keeine Lust habe. Bisher hab ich immer geglaubt, dass es daran liegt, dass meine Chefin mit dem Kongress viel beschäftigt war und deswegen keine Zeit hatte, aber ich glaub eher, dass es ein strukturelles Problem ist.
Das Fass zum überlaufen brachte der gestrige Montag: Alles großen Festivitäten und Kongresse waren vorbei, ich hoffe endlich loslegen zu können und gehe voller Tatendrang in die Kirche und hoffe endlich loslegen zu können. Ich geh in Katias Büro um mit ihr ein bisschen zu planen, was diese Woche ansteht, sag ihr, dass ich heute gerne die Sache mit den Computern machen würde (ja, ihr erinnert euch vielleicht noch: Seit 4 Wochen renn ich Autorisacionen, Permissionen, Edictos, Peditos und was weiß ich nicht alles nach und hab schließlich und endlich im direkten Gespräch mit der Bischöfin meine Autorisation erhalten) damit ich das endlich mal erledigt habe. Sie sagt: Gut, ausserdem steht diese Woche das aufräumen des Büros der Jugend an, allerdings nicht heute, weil noch nichts organsiert ist usw. Gut, sag ich, dann kann ich ja gleich anfangen, dann bin ich fertig und stehe den Rest der Woche zur freien Verfügung.
So verbleiben wir also und Katia fährt irgendwohin um irgendwas zu erledigen. Ich mach mich also auf ins Büro von Mario, wo die Computer momentan stehen, weil wir sie aus der Kirche wegräumen mussten, weil dort das Theater nochmals aufgeführt wurde. Mehr rhetorisch als wirklich fragen frag ich ihn, ob er mir die Computer geben kann, weil er grade näher dran steht. Er meint nein, das gehe nicht. Ich frag, warum nicht,
er: Es geht jetzt nicht. Also geh ich in das Zimmer, denk mir, wenn er mir sie nicht über den Haufen der Nahrungsmittelsäcke drüberreichen kann der hier seit einer Woche rumliegt (die Nahrungsmittel konnten nämlich nicht verteilt werden, weil man eine Liste vergessen hat, wer die alles bekommen darf. Gut, essen die Leute halt eine Woche später, oder zwei), hol ich sie mir halt selber. Dann schnauzt er mich ziemlich an, ob ich denn nicht verstanden hab, dass es nicht geht und ich in einer Stunde
wieder kommen soll. Ich frag ihn noch, was dagegen spricht es jetzt gleich zu erledigen, aber bekomme als Antwort nur zu hören, dass ich in einer Stunde wieder kommen soll. Gut, dann wart ich halt noch eine Stunde, bei 4 Wochen kommts jetzt
wirklich nicht mehr drauf an, klage Annie (der Amerikanerin) mein Leid und schlag eben eine Stunde tot. Danach geh ich wieder ins Büro, will die beiden kaputten PCs mitnehmen um endlich einen laufenden draus zu machen und bekomme wieder die barsche Antwort, dass ich in einer Stunde´wieder kommen soll. Ich als friedliebender Mensch will ihm die beiden PCs nicht rauben, Katia ist nicht da, die Obispa ist nicht da und sonst hat hier eh niemand Befugnisse (auch Mario nicht der grade meine Arbeit behindert) also bleibt mir nichts anderes übrig als noch eine Stunde tot zu schlagen. Das selbe wiederholt sich so noch einmal vor dem Mittagessen (ich soll nach dem Essen wieder kommen).
Nach dem Mittagessen trete ich also wieder an (im nachhinein frag ich mich, warum ich den Schmarrn eigentlich so lange mit gemacht habe) und frage was jetzt los ist. Da steht der gute Mario auf, legt seine Hand auf meine Schulter und erklärt mir: Christoph, hier in Nicaragua arbeiten wir nicht mit mündlichen Autorisationen, wir brauchen hier schon eine schriftliche Autorisation, sonst geht hier gar nichts.
Ausserdem sind die Jugendlichen grade dabei ihren Raum, den sie seit Jahren als Müllhalde nutzen aufzuräumen und dort werde ich grade dringend benötigt. Gut, ich wahr schon ziemlich auf 180, aber in meiner grenzenlosen ausgeglichenheit geselle ich mich zu den Jugendlichen die in einem Raum voll mit Müll und Kartons voll Hilfsgütern (Fußbälle,Spielsachen, Baseballschläger, Kuscheltiere, Blocks, Stiften und anderen
Sachen die eigentlich nicht dazu gedacht sind hier zu verstauben) stehen und die Sachen so wie sie sind auf den Hof werfen. Es wird nichts irgendwie sortiert oder das was weggeworfen werden soll wenigstens irgendwie so verstaut, dass man es nimmt und wegwirft, sondern es landet so wie es in der Rumpelkammer liegt auf dem Hof. Wahrscheinlich kommt heute abend jemand vorbei und sagt: Ah, hier draussen könnte es nass werden wenn es regnet, bitte schmeißt es zurück in die Rumpelkammer. Den Spaß schau ich mir zehn Minuten lang an, dann halte ich es nicht mehr aus und gehe zurück in Marios Büro. Ich sag ihm, dass er mir jetzt entweder die beiden PCs rausrückt und ich sofort mit meiner Arbeit anfangen kann oder ich gehe heim in mein Haus und werde dort meine Wäsche waschen und die Sachen erledigen die dort auf mich warten. Ich
bin nämlich nicht nach Nicaragua gekommen um Müllhalden aufzuräumen. Das Problem liegt nicht darin, dass ich mir die Hände nicht schmutzig machen will, sondern darin, dass ich mit "aufräumen" hätte können, wenn ich vorher meine Arbeit erledigt hätte. Zur Antwort bekomme ich ein Winken und ein "Adios". Ich erkläre Miguel noch schnell, warum ich heimgehe und mach mich aus dem Staub. So wütend war ich wirklich schon lange nicht mehr.
Heute hatte ich glücklicherweise meinen freien Tag, bin nach Granada zu meiner Gastfamilie gefahren, hab mit ihnen ein bisschen geplaudert und Dampf abgelassen. Es tut gut mal aus Managua rauszukommen. In Granada gibt es eine Einrichtung die sich "Casa de los tres Mundos" nennt, eine von Ernesto Cardenal und Dietmar Schönherr ins leben gerufene Kulturstiftung in der Nicas Instrumente erlernen, sich als Künstler
weiterbilden oder Theaterespielen können. Das ganze wird u.a. unterstützt von ein paar deutschen freiwilligen, die hier Gitarrenuntericht und Englischkurse geben. Beim Spazieren durch den Kolonialbau der ganz in Künstlerhand ist ist mir auch eine Theaterbühne aufgefallen, mit 10 Scheinwerferchen. Es hat richtig weh getan zu sehen,
wass man hier alles machen könnte, Dimmer basteln, Lampen organisieren, Theater auf die Beine stellen usw. Und das alles mit fähigen Leuten im Rücken, einer Werkstatt, Künstlern die Bühnenbilder zaubern könnten und nicht in einer dämlichen Kirche wo man allem hinterherrennen muss und in der es nicht mal einen Hammer gibt (Ich hab gefragt warum eigentlich niemand mal her geht und einen Hammer und ein paar Schraubenzieher
kauft. Antwort: Es ist ja nicht mein Aufgabenbereich.)
Morgen werde ich diese Ganzen Sachen mal mit meiner Chefin bereden und hoffen, dass sich endlich was ändert. So kann und will ich nämlich hier nicht weiter machen, nicht weil ich es nicht aushalte oder nicht die Nerven dazu habe, sondern weil mir dazu meine Zeit einfach zu schade ist. Ich habe mich drauf eingestellt, dass ich keine großes entgegenkommen zu erwarten habe, ich habe hingenommen, dass mir nicht geholfen wird, aber ich werde nicht hinnehmen, dass mir zudem noch Steine in den Weg gelegt werden. In diesem Land gibt es genug zu tun. Wenn man hier meine Hilfe nicht haben will, werd ich mir was anderes suchen, sonst ist es nämlich eine Zeit- und auch Geldverschwendung. Ich hoffe dass es nicht so weit kommt und bin auf das Gespräch morgen gespannt. Es wird nicht ganz einfach sein, da ich erstens die Ruhe bewahren und zweitens auf spanisch reden muss, aber ich hab mir schon ein paar Sachen zurechtgelegt und werde das Ganze diplomatisch mit Mt 25, 14-30 einleiten.
So, jetzt seid ihr alle geschockt, dass ich zum Bibelzitienden Hardcorechristen geworden bin (keine Angst, bin noch wie vorher), aber schaut mal nach, was dort geschrieben steht (wer keine Bibel hat, kann auch google fragen ;-)
Wünscht mir glück!
Euer Christoph
Dienstag, 13. November 2007
Christoph macht Rabatz in Nicaragua
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