Salud Ustedes (inzwischen hab ich herausgefunden, dass die Nicas die 2. Person Plural nicht benutzen, überhaupt nicht. Sie nehmen dafür die 3.p.Ganz schön abgefahren, was?)
Gleich am nächsten Tag nachdem Jakob und Ich unser neues Heim bezogen haben (bilder habt ihr ja schon bekommen) sind wir wieder weiter nach Grenada. Erst hat es geheißen wir würden mit dem Pickup dorthin gebracht werden (weil der Ticabus zu gefährlich ist ;-) , aber dann hatte doch niemand Zeit und wir haben den nicaraguanischen öffentlichen Personennahverkehr kennengelernt. Rachel hat uns zur Bushaltestelle gebracht, die sowas wie der dreh und Angelpunk für Verbindungen in den Südosten ist: eine Parkbucht auf der "Autobahn" nach Masaya und Granada. Von unserem Haus zu fuß etwa 5 Minuten. Dort fährt alle zwei Minuten ein gelber Bus vorbei (genau wie die in der Stadt, eben bloß für den Fernferkehr; genannt "Ticabus") Auf den Bussen vorne drauf steht irgendwo zwischen dem Namen des Busfahrers (man muss ja zeigen, dass man stolz ist auf seinen Bus!), einem Spruch wie: "Jesus ist der größte" oder "Daniel Ortega ist der größte", Knorr- oder Colawerbung und sonstigen Gemälden das Ziel dieses Busses. In unserem Falle Granada. Allerdings kann man diese Schilder nur mit einiger Übung lesen, weil man diese Information auf den über und über bemalten Bussen erst mal finden muss. Damit auch niemand die knallgelben Busse übersieht, wird ca. einen Kilometer vor Ankunft an der Bushaltestelle damit begonnen ordentlich zu hupen. Wenn man das nicht gewohnt ist erschrickt man erst mal ordentlich, weil die Hupen etwa so tun wie Nebelhörner von Supertankern. Während man auf seien Bus wartet, kann man sich derweil von den Fahrenden und laufenden Händlern mit allem eindecken was man für die Reise benötigen könnte: Süßes, saures, salziges, flüssiges, festes, Souvenirs, Ventilatoren, oder wen man spontan einen Fernseher kaufen will. Lange braucht man aber nicht zu warten, da etwa alle 10 Minuten ein Bus in jede beliebige Richtung fährt.
MIt großem Getöse kommt also unser Bus an, jeder Sportauspuffbesitze
von Managua fahren steigen immer wieder leute zu und aus. Doch dazu wird nicht angehalten, aber immerhin gebremst, so dass man abspringen kann. Ein Mitreisender hat ein Fahrrad dabei, dass bei seine Ausstiegsstelle aus dem Hintereingang geworfen wird. Auf dem halben weg nach Managua über die eigentlich wirklich gute Straße (das inzige Hindernis sind die ab und zu in der Mitte fahrenden Ochsenkarren, doch die werden einfach zur seite gehupt, die Ochsen springen richtig weg ;-) steigt auf einmal ein dunkelhäutige Mann ein, dessen Gesichtszüge mich an die eines Inders erinnern. Er setzt sich aber nicht hin, obwohl eigentlich genug Platz wäre.Als der Bus losfährt wird klar warum: Er fängt an irgend eine Geschichte zu erzählen. Ich hab leider keine Ahnung um was es geht, ich verstehe überhaupt nichts, weil er 1. sehr schnell redet und 2. nuschelt. Vermutlich versucht er die mitfahrenden von seinem Glauben zu überzeugen oder er ist einer der vielen Anpreiser der durch die Straßen laufen/fahren und die besten Angebote unterbreiten. Das natürlich Lautstark mit riesigen Lautsprechern auf dem Dach. Nach einer dreiviertelstunde kommen wir am "Busbahnhof" in Granada an, einer art Schrottplatz mit Lehmboden. Dort gibt es wieder allerhand zu kaufen, aber wir werden nach einem kurzen Telefonanruf abgeholt. Little Roger (der Sohn von Roger, dem die sprachschule gehört) kommt mit dem Taxi und bringt uns zu unserer Gastfamilie. Zur Straße hin verrät sich das haus nur durch eine kleine, unscheinbare Tür, die vergittert ist (wie alles hier). Doch es ist ca. 30 meter tief. 2 Innehöfe lassen licht in die Küche, das "Esszimmer" und das "Wohnzimmer"
ein ca. 80l fassendes Becken in einer Ecke des Bades. Rosita erklärt, dass hier das Wasser rationiert wird, es gibt also jeden tag für ein paar Stunden kein Wasser aus der Leitung und aus diesem Grund sollte man sich hier immer etwas aufheben. Wir lassen also erst mal das Becken vollaufen und gehen dann mit Roger Junior durch die Stadt. Er zeigt uns noch die Schule, dann sind wir uns selbst überlassen. Wir beschließen mal zum Lago de Nicaragua zu gehen, dem größten Süßgewässer Mittelamerikas. Der See soll zwar um einiges sauberer sein als der Managuasee, an Baden ist dennoch nicht zu denken. Auf dem Weg dorthin läuft uns ein Nica über den Weg. Er "möchte uns die Stadt zeigen und von seinem Land erzählen", ausserdem findet er es sehr wichtig sich mit fremden zu unterhalten und so die Völkerverständigung voranzubringen. Er geht eine weile neben uns her. Irgendwann kommt uns die sache aber komisch vor, was sich auch bestätigt. Eigentlich sei er ja ganz froh hier, er sei zwar nicht reich an Geld, dafür reich im Herzen. Ausserdem findet er betteln nicht gut, er möchte arbeiten und zeigt den leuten die Stadt. Allmählich dämmert es uns. Wir sollen ratenwie viele Cordobas er brauch um sich und seine Tochter eine Woche zu ernähren. Wir liegen gar nicht so schlecht. Nun wird es ihm wahrscheinlich zu blöd mit uns herumzurennen und er sagt, dass er ja glücklich ist, aber im Moment eben doch ein bisschen traurig: Er hat nichts mehr zu essen und ob wir ihm nicht ein bisschen was geben könnten. Und genau hier ist das Problem, an dass ich mich wohl gewöhnen muss. Gibt man ihm Geld, kann man sich nicht sicher sein für was es Verwendet wird, ausserdem wird dadurch das Problem nicht gelöst, sondern bloß die Symptome gelindert. Am geschicktesten wäre es wohl ihm etwas zu essen zu kaufen, aber wir sind am Seeufer wo es wohl aufgrund des Gestankes keine touristen und in Granada auch keine Händler gibt. Nach einigem Hin- und Herüberlegen und nachdem er uns 100 mal beteuert hat, dass er das Geld wirklich für Essen verwenden würde, geben wir ihm 5 Dollar. Für ihn ein Wochenlohn, aber war das jetzt richtig? Ich weiß es nicht.
Als wir wieder zuhause ankommen (mein Zuhause wechselt momentan häufig ;-) hat Esperanzita (kleine Hoffnung), die Haushälterin bereits das Abendessen hergerichtet. Es gibt eine Hühnersuppe mit Mais, Kartoffeln, Platanos, irgendwelchem Wurzelgemüse und Sellerie. Es schmeckt wirklich sehr gut. Wir bedanken uns für das essen und wir bekommen erklärt, dass diese Suppe "una comida tipica de Nic" und "muy rico" sei. Eigentlich ist alles was wir hier essen "tipico de nicaragua" und "muy rico" mein (noch) begrenzter Wortschatz gibt einfach nicht mehr her ;-). Nach dem Essen fallen wir bald ins Bett und schlafen um 9 Uhr schon tief
und fest.
Am nächsten Tag beginnt für uns beide wieder die Schule, allerdings mit einer Klassengröße von 1. Jeder hat seinen eigenen Lehrer (bzw. 4 für verschiedene Schwerpunkte, die sich abwechseln). Unser Unterricht dauert jeweils 4 Stunden, das ist ganz schön anstrengend, aber dafür ziemlich effektiv. Nach der Schule gehen wir wieder heim, essen zu mittag und machen unsere Hausaufgaben. Die Nachmittage verbringen wir irgendwo in Granada oder lesen ein wenig.
Nach zwei Schultagen naht glücklicherweise schon das Wochenende, an diesen Schulstress muss ich mich erst wieder gewöhnen ;-). Wir überlegen was wir machen könnten: Zur Auswahl steht die Isla de Ometepe, eine Bilderbuchvulkanins
sind in einem so armen teil der Welt zu sein. Erst mal das finde ich bekloppt, außerdem ist Granada im Vergleich zu Managua eine Insel der Glückseligkeit. Naja, wir fahren also eine halbe Stunde durch die Landschaft, die Amerikaner gehen mir auf die Nerven, weil sie ständig damit prahlen in welchen anderen drittweltländern sie schon waren und wie gefährlich es dort war und kommen schließlich an: an einem anderen Hostel, direkt am See. Wir haben uns dafür angemeldet, weil im Prospekt stand, dass man dann für 2 Dollar extra Kanus gratis benutzen kann. Das ist zwar ganz praktisch, aber wenn wir gewusst hätten in welcher Gesellschaft wir dafür sind, wären wir wieder mit dem Ticabus gefahren. Getränke und Essen in diesem Hostel sind verdammt teuer (für Nicaraguanische Verhältnisse) und das Geld das wir dort ausgeben kommt nicht bei der Bevölkerung, sondern bei dem Amerikaner an, der dieses Hostel errichtet hat. Im Nachhinein ärger ich mich sehr darüber nicht
auf eigene Faust hierhin gefahren zu sein, aber was solls. Sieht man von diesen Ärgernissen ab, war es wirklich wunderschön. Das Wasser hatte wohl 30 Grad, fast schon zu warm (ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde) und glasklar. Die Landschaft war natürlich beeindruckend, weil man über die 6km, die der See "durchmisst" komplett außen rum sehen konnte. Keine Bäume im Weg, wie sonst in diesem Urwald. Vormittags fahren wir beide ein wenig mit dem Kajak raus und schwimmen ein bisschen, dabei unterschätzen wir aber die Äquatorsonne, die uns schon nach 20 Minuten die Schultern verbrannt hat. Man schätzt das leicht falsch ein, weil einem die Sonne, die ja senkrecht am Himmel steht kaum Auffällt, weil sie nich blendet. Aber beim nächsten mal wissen wir bescheid und so schlimm ist es nicht. Den Nachmittag verbringe ich mit lesen und bringe auf einen Satz Dürrenmatts "Romulus der Große" hinter mich. Ein wirklich gutes Buch, aber wenn es in dieser Geschwindigkeit weitergeht, brauch ich bald neuen Lesestoff. Um 5 Uhr fahren wir wieder zurück und essen zu abend. Meike, eine Hollendärin die muttersprachlich deutsch spricht und auch bei unserer Familie wohnt fragt uns, ob wir noch mit ihr weggehen wollen. Wir begleiten sie erst zu dem Haus ihrer Verbindung in dem noch 5 andere Holländer sitzen, die in der Umgebung an irgendwelchen Projeten arbeiten. Wir unterhalten uns ganz gut, ich gebe die 5 Sätze holländisch zum Besten, die ich beim Segeln gelernt habe, dann brechen wir auf ins
Nachtleben von Granada.Wir gehen durch die nächtlichen Straßen, vorbei an Touristenclubs, die 50 Cordoba eintritt verlangen zu einem open-air-club. Hier kostet der Eintritt 20 Cordoba und kein Reggaeton, sondern Salsamusik schallt uns entgegen. Wir betreten einen Innehof in dem mehrere Pavillons aufgestell sind. Auf dem mit großen Steinen gepflasterten Boden stehen kleine Holztischchen und Schemel. Über den Garten verteilt stehen ein paar Palmen und im schein der Kerzen und Fackeln sitzen etwas 200 Leute herum, unterhalten sich und trinken Cocktails und Bier. Unter einem festen Dach befindet sich die Bar, eine kleine Tanzfläche auf der die Hüften geschwungen werden und eine kleine Bühne auf der 6 Musiker stehen und Salsa spielen. Das ist richtig gut, mal was anderes in einem Tanzclub und lustig ist es trotzdem. Mir gefällt es wunderbar, wir setzten uns und trinken ein wenig.
In Nicaragua gibt es zwei sorten Bier: Victoria, was pilsartig ist und sich eigentlich trinken lässt und Tona, was blos nach Wasser schmeckt. Dummerweise gibt es hier nur Tona und ich weiche auf Mojito aus ;-)Wir haben bloß ein Problem: um 12 Uhr sperrt Rosita die Haustüre zu und wir kommen nicht mehr rein. Meike hat uns zwar angeboten im Verbindungshaus zu übernachten, aber ein eigenes Bett verspricht eben doch mehr erholung. Wir müssen uns entscheiden. Da beginnt die Band wieder zu spielen und die Sache ist gegessen: Wir bleiben noch ;-)
Am nächsten morgen gehen wir bald heim, die Mücken haben mich kaum schlafen lassen und ich bin froh im eigenen Bett noch ein paar Stunden liegen bleiben zu können. Nach dem Mittagessen gehen wir zur Bank, um Geld zu holen. Wir müssen die Sprachschule und die Gastfamilie bezahlen. Pro Woche kommen so 170 Dollar zusammen. Da ich für jedes mal abheben 5 Dollar gebühr zahlen muss, nehme ich gleich das Maximum, 400 Dollar ab und renne auf dem Rückweg mit mehr als dem Jahresverdienst eines durchschnittlichen Nicas rum. Wieder so ein eigenartiges Gefühl. Aber auch daran werde ich mich gewöhnen müssen.
Nachdem ich diese Mail geschrieben hab, werd ich noch ein bisschen spanisch lernen und sehn was der Tag bringt. Diese Woche werd ich auch noch mal auf den Markt schaun und einen Photo mitnehmen. Denn was es dort gibt, ist wirklich sehenswert.
Liebe Grüße vom anderen Ende der Welt,
euer Christoph
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