Dienstag, 18. September 2007

Das Leben in Granada

Salud ustedes,

hier also der zweite Tatsachenbericht vom anderen Ende der Welt. Momentan hat es hier 31 Grad, 100 % luftfeuchtigkeit (es regnet in Stroemen), aber das ist ganz normal hier, es regnet quasi jeden Tag, aber es wird dabei nicht viel kaelter, nur so zwei, drei grad. Das macht die Feuchtigkeit locker wieder wett, weil es wahnsinnig schwuel ist. Aber mit der Zeit gewoehnt man sich an die Temperaturen und daran, dass man eigentlich immer schwitzt. So ist wenigstens das kalte Wasser nicht so schlimm, das hab ich mir eigentlich bloed vorgestellt, aber jetzt bin ich ganz froh, dass ich ein bisschen erfrischt werde. Inzwischen hab ich auch den wahren Grund herausgefunden, warum es hier keine zweistoeckigen Haeuser gibt: Da wuerde einfach kein Wasser mehr ankommen ;-) Es ist so, dass das Wasser hier rationiert wird, es gibt einfach ein paar stunden am Tag (die man vorher der Zeitung entnehmen kann) kein Wasser. Wenn es dann welches gibt, braucht natuerlich jeder welches, und dementsprechend stark kommt es dann auch aus der Leitung geschossen ;-) Im Waschbecken gehts meistens noch, aber aus der Dusche kommt oft einfach nix raus, da muss man dann einfach warten, oder aus dem Becken schoepfen, dass es hier so gut wie in jedem bad, falls man mal wasser braucht, und es keines gibt. Genauso ist das mit dem Strom hier, der wird auch rationiert, dass ist aber eigentlich weniger schlimm, da kann man sich helfen. Ausserdem haben die meisten Hotels und Cafes hier Generatoren, die dann auf die Strasse gestellt werden und dort einen hoellenlaerm veranstalten. Bei unserer Familie gibts gluecklicherweise einen grossen akku, der dafuer sorgt, dass man wenigstens noch licht hat, wenn der strom ausgeht (oder das Licht weg, wie die leute hier paradoxerweise sagen) Aber dann braucht man nicht mehr auf die Strasse gehen, weil man sein eigenens Wort nicht mehr versteht. Wenn die Granadienser sich zusammengetan haetten und fuer das geld, dass sie in generatoren gesteckt haben ein Kraftwerk gebaut haetten, waere das wohl praktischer gewesen. Bei uns waere das wohl ueber den Strompreis geregelt worden, aber hier ticken die Uhren eben anders.
Mein Spanisch macht ziemliche Fortschritte, mittlerweile kann ich mich mit mitreisendem im Bus unterhalten. Wirklich tiefsinnig sind die gespraeche noch nicht, aber es geht. Ich kann beinahe alle Sachen erzaehlen, die ich erzaehlen will (sogar, dass man in deutschland ein Geraeuschpruefungszertifikat fuer wasserhaehne braucht. Auch wenns nicht einfach ist, weil natuerlich alle erst mal davon ausgehen, dass sie sich verhoert haben). Jakob und ich leben uns allmaehlich bei Rosita ein, es wird wohl wieder schwierig werden nach Managua zurueckzukehren. Aber dort koennen wir uns dann einen internetanschluss zulegen, auf die dauer ist das naemlich billiger als jedes mal ins internetcafe zu gehen, ausserdem koennen wir so uebers internet telefonieren, was sonst auch nicht gerade billig ist. Und natuerlich die bequemlichkeit ;-)
Allmaehlich beginn ich auch mich an die Zeit zu gewoehnen und geh nicht immer schon um 8 Uhr ins Bett (ich bin dafuer auch immer um 6 Uhr wach, weil dann die Voegel wahnsinnig werden und die Strassenhaendler ihre Musikstaende wieder aufbauen, die natuerlich lautstark auf sich aufmerksam machen. Dort gibt es uebrigens ausnahmslos Raubkopien zu verkaufen. Mit kopierten Covern und allem drum und dran. Die Polizei steht nebendran und bewacht die Strasse. Die haben hier andere Probleme. Am Mittwoch sind wir ein bisschen ins Nicaleben eingetreten: Wir waren im Baseballspiel. Dazu erst ein paar Worte zum System: Es gibt hier sowas wie bei uns die Bundesliga, da spielen vorne mit: Granada, Managua, und Leon. Der beste aus sieben spielen gewinnt. Leon hat schon 3 spiele gewonnen, Granada noch keines, Managua meinen Informationen zufolge auch noch nicht. Die begegnung am Mittwoch war Granada - Leon, fuer Leon ging es also um etwas. Wir sind also ins Baseballstadion gegangen (ueberdachte Sitzplaetze, weil wir dachten, dass es regnen wuerde, fuer 50 Cordoba) Dort hat man dann freie Platzwahl. Das Spiel geht los, Granada hat die erste Runde und geht gleich mal 1:0 in fuehrung. Jetzt kommt Leon und es geht richtig Los. Ca. 50 Leute haben die 3 Stuendige Anfahrt auf sich genommen und beginnen jetzt einen Radau zu machen, dass jeder Club oder jede Hertha BSC stolz waere, wenn ein volles Stadion das hinbekommen koennte. Aber nicht einfach blos krach, sondern vorher einstudierte lieder, die natuerlich eine etwas andere musikalische Richtung haben als bei uns. Mir hats eigentlich richtig gefallen. Natuerlich bleibt da auch keiner sitzen, sondern alle stehen auf den Stuehlen und tanzen und trompeten und singen usw. Es geht richtig gut fuer Granada, sie fuehren bald 3:1, allmaehlich werden die Fans agressiver. Auf jeder Seite faengt man an Geld zu sammeln, damit die anderen Fans (die natuerlich die Verlierer seien sollen) nicht so traurig sein muessen. Die meisten schmeissen ein paar muenzen in den Hut, ein paar Ultras wedeln mit ihren Geldbuendeln. Irgendwann wir ihnen das scheinbar zu langweilig und jetzt messen sich die Frauen untereinander, wer besser tanzen kann und mehr Blicke auf sich zieht ;-) Da traeumt wohl auch mancher Clubfan davon. Waehrend diesem Spektakel muss man natuerlich keine Angst haben, alle 2 minuten kommt jemand vorbei und fragt nach, ob mann nicht noch ein Bier oder noch eine Pizza oder was auch immer haben will. Der Muell bleibt auch nicht liegen, sondern wird sofort wieder eingesammelt. Das Problem ist blos, dass diejenigen die die Aludosen einsammeln zwischen 4 und 6 Jahren alt sind und pro Pfund Alu 5 Kordoba bekommen. Was ich besonders schlimm finde, ist wie die Leute hier mit diesen Kindern umgehen. Die Dosen werden einfach fallengelassen und die Kinder sammeln sie dann auf. Ich behalte sie so lange, bis wieder jemand vorbeikommt und geb meine Dose ab. Das sammeln machen in den Stadien die juengsten, weil die am besten durch die Stuhlreihen schluepfen koennen. Wenn man zwischen 6 und 9 Jahren alt ist, kann man schon Kaugummis und Zigaretten verkaufen. Danach, bis 14/15 werden dann Getraenke verkauft, wenn man noch weiter aufsteigt in der Karriereleiter, kann man Pizza und Gallo Pinto verkaufen. Am ende gewinnt Granada, es ist also noch offen.
Am Freitag fahren Jakob und ich auf den Markt in Masaya, auf dem Weg dorthin treffen wir einen Paedagogikprofessor im Bus, mit dem wir uns nett unterhalten, er zeigt uns auch den Weg zum Markt und wo wir was finden. Dort kaufen wir ein bisschen ein. Hier ist Verhandlungsgeschick gefragt, vor allem weil wir anfangs immer fuer Gringos gehalten werden, und die sind aufgrund der Nicaraguanisch-Amerikanischen Vergangenheit nicht so richtig beliebt. Ich ueberlege mir ein paar Schuhe zu kaufen, wir gehen also in einen Schuhstand, schauen uns ein paar an, Jakob gefaellt auch ein paar. Wir fragen nach unserer Groesse, die sie auch da haben (wir sind ja hier wahre Riesen). Alle Marktfrauen aus der naeheren Umgebung sind zusammengekommen und schaun uns beim Schuhekaufen zu und "beraten" uns. Es werden Schemel gebracht, damit wir die Schuhe anprobieren koennen. Leider passen sie doch nicht richtig, und ich habe noch keine Schuhe. Aber ich bin ja noch eine Weile hier. Nach dem einkaufen fahren wir wieder zurueck nach Granada. Im Bus unterhalte ich mich mit einem Maler, der in der Ukraine gearbeitet hat und einer Architekturstudentin aus Granada. Ich frage mich zwar, wozu man hier Architekten braucht (aber eher noch als Statiker ;-), aber sie Studiert das eben. Nach ein paar Minuten laed sie uns ein, mit ihren Eltern auf ihre Finka zu fahren und dort das Wochenende zu verbringen. Dieses Wochenende ist leider schon verplant (das naechste Baseballspiel in Leon), aber ich gebe ihr meine Handynummer. Zur sicherheit flechte ich noch ein paar mal ein, dass ich eine Freundin habe (Rajka, die leidenschaftliche Tomatenzuechterin (dadurch ist sie uebrigens ueberhaupt draufgekommen, weil ich wissen wollte, was man hier noch so anpflanzen kann und sie gesagt hat, dass in ihrer Finka Mandarinen wachsen), Rajka, wegen der ich ja das Handy habe, damit sie mich anrufen kann, ich mussts ja irgendwie einflechten, sonst waers ja auch bloed gewesen ;-) Mal sehen ob sie sich meldet, interessant waers auf jeden Fall.
Am Samstag sind wir dann mit dem Bus nach Leon gefahren um die naechste Begegnung Granada-Leon anzuschauen, diesmal mit dem Expressbus, weil wir ein bisschen spaet dran waren. Dieser Bus macht seinem Nahmen wirklich alle Ehre und saust mit 140 ueber die Autobahn, eben was die Muehle hergibt. Das Problem ist nur, dass es noch andere Expressbusse gibt, die natuerlich ihren Ruf verteidigen muessen und die sich erbitterte Rennen liefern. Jetzt gibt es hier aber alle 5 Km eine wendemoeglichkeit, so eine Art Kreisverkehr mitten auf der Autobahn. Dort gibt es dann nur noch eine Spur. Jetzt fahren also zwei Busse so nebeneinander her, jeder versucht den anderen zu ueberholen, aber keiner schafft es. Der Kreisverkehr kommt immer naeher. Was macht man? Klar: Hupen. So hupen sich beide Busse an und warten drauf, dass der andere bremst. Ich weiss nicht wie, aber irgendwie haben wir diese Fahrt ueberlebt ;-) (ein anderer feiner Trick schneller zu sein, ist es bei einer roten Ampel einfach rechts abzubiegen (wie beim Gruenen Pfeil), mit dem Bus eine 180 Grad Wende zu machen und noch mal rechts abzubiegen. Die Verkehrsinseln machen die Sache nur interessanter.
Nach drei Stunden Fahr in Leon angekommen (der teil nach Managua war weniger spannend, weil die Strasse hier einfach schnurgerade durch den Urwald geht) kommen wir fast noch rechtzeitig ins Stadion. Die Stimmung hier ist noch besser als in Granada, weil mehr Leon-Fans da sind. Nach einem ewig dauernden Spiel (3,5h, das ist auch interessant, der deutschen Volkssport ist recht gut planbar, da grob auf 90 Minuten begrenzt, hier dauert das Spiel eben, bis es vorbei ist) draengt uns Omar (einer unserer Lehrer) uns zu beeilen und wir schicken uns in einen vor dem Ausgang geparkten Bus zu kommen. Kaum sind wir drinnen, wird der Bus von Polizisten umstellt. Ich weiss nicht recht, was los ist. Wie sich herausstellt, sind die Polizisten zu unserem Schutz da. (Wer sich in Mittelamerika ein wenig auskennt, weiss, dass es in El Salvador mal einen "Fussballkrieg" gegeben hat, der nach einem Match erbitterter Feinde seinen Anfang gefunden hat) Wir weden also von der Polizei eskortiert, bis wir Leon verlassen haben. Das bloede ist blos, dass in den Bus nach deutschen Verhaeltnissen vielleicht 60 Leute passen. Drin sind ca. 120. Die 4 Stunden dauernde Rueckfahrt verbringe ich stehend, eingequetscht zwischen den schwitzenden Koerpern dutzender Baseballfans. Naja, es gibt schoeneres.
So, zum Abschluss will ich euch noch erzaehlen, was ich heute (Sonntag) zum Fruehstueck bekommen hab. Den Namen hab ich leider vergessen, deswegen hier eine kurze Beschreibung: Eine Art Maismehlknoedel (so gross wie zwei ordentliche bayerische Knoedel), aber mehr oder weniger rechteckig, gefuellt mit Reis, Tomaten und Schweineschwarte eingewickelt in ein Bananenblatt. Geschaetzte Kalorien: 10.000. Ich bin ja ein freund des deftigen Fruehstuecks, aber das war echt heftig ;-)
Noch was: "Fresco de Pintaya" ist ein Erfrischungsgetraenk, dass man hier an jeder Ecke erwerben kann. Zutaten: Wasser, Zucker, die Frucht, die hier Pintayz, bei euch "Dragonfruit" heisst und etwas Limonensaft. Schmeckt sehr lecker! Das ganze ist so rosa, dass man nicht durchschauen kann. Der Strohhalm ist uebrigens durchsichtig, wurde aber zu demonstrationszwecken mit dem Saft gefuellt. Die Farbe ist uebrigens auch noch nachzuweisen, wenn dieses Getraenk den Koerper wieder verlaesst ;-)
Was gibts in der Heimat neues?
Liebe Gruesse, euer Christoph

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